signum akadémeias
SCRIPTVM XI
DE
HEPTOMADIBVS
VON DEN
SIEBENHEITEN
quomodo substantiæ in eo quod sint bonæ sint
cum non sint substantialia bona
wie die Substanzen darin, dass sie sind, gut sind,
wenn sie nicht ihrer Substanz nach gut sind
   
1. 1.
postulas, ut ex «hebdomadibus» nostris eius quæstionis obscuritatem
quæ continet modum quo substantiæ in eo quod sint bonæ sint,
cum non sint substantialia bona,
diceram et paulo euidentius monstrem;
idque eo dicis esse faciendum, quod non sit omnibus notum iter huiusmodi scriptionum.
Du forderst, dass ich aus unseren „Siebenheiten” die Dunkelheit jener Frage,
die beinhaltet, wie Substanzen darin, dass sie sind, gut sind,
auch wenn sie nicht ihrer Substanz nach gut sind,
erhelle und ein wenig einleuchtender darstelle;
und du sagst, das müsse deshalb geschehen, weil nicht allen der Gang solcher Schriften bekannt sei.
2. 2.
tuus uero testis ipse sum
quam hæc uiuaciter fueris ante complexus.
Ich selbst hingegen bin dir ein Zeuge dafür,
wie lebhaft du dich dieses Zusammenhangs früher angenommen hast.
3. 3.
«hebdomadas» uero ego mihi ipse commentor
potiusque ad memoriam meam speculata conseruo
quam cuiquam participo quorum lasciuia ac petulantia
nihil a ioco risuque patitur esse seiunctum.
Die „Siebenheiten” überdenke ich allerdings für mich selbst
und verwahre das Betrachtete lieber in meinem Gedächtnis,
als dass ich es mit einem von denen teile, deren Ausgelassenheit und Frechheit
es nicht aushält, dass etwas ohne Witz und Gelächter auskommt.
4. 4.
prohinc tu ne sis obscuritatibus breuitatis aduersus,
quæ cum sint arcani fida custodia tum id habent commodi,
quod cum his solis qui digni sunt conloquuntur.
Von daher wende Dich bitte nicht gegen die Dunkelheiten der Kürze,
die, indem sie treue Wächter des Geheimnisses sind, zugleich auch dies bequeme haben,
dass sie sich allein denen, die ihrer würdig sind, mitteilen.
5. 5.
ut igitur in mathematica fieri solet ceterisque etiam disciplinis,
præposui terminos regulasque
quibus cuncta quæ sequuntur efficiam:
Wie es also in der Mathematik üblich ist und in den anderen Disziplinen,
habe ich Begriffe und Regeln vorangestellt,
mit denen ich alles folgende aufbauen will:
6. 6.
I. communis animi conceptio est enuntiatio quam quisque probat auditam.
harum duplex modus est.
1. Ein Allgemeingültiges im Denken ist eine Äusserung, die jeder bestätigt, der sie hört.
Dieses ist von zweierlei Art:
6a. 6a.
nam una ita communis est, ut omnium sit hominum,
ueluti si hanc proponas,
si duobus æqualibus æqualia auferas, quæ relinquantur æqualia esse,
nullus id intellegens neget.
Das eine nämlich ist auf die Art allgemein, dass es allen Menschen gemein ist,
wie etwa, wenn man folgenden Satz vorlegt,
wenn man von zwei Gleichen ein Gleiches abzieht, dass dann der Rest ein Gleiches sei,
wohl keiner es abstreiten wird, der es mitdenkt.
6b. 6b.
alia uero est doctorum tantum,
quæ tamen ex talibus communibus animi conceptionibus uenit,
ut est: quæ incorporalia sunt, in loco non esse et cetera;
quæ non uulgus sed docti comprobant.
Das andere jedoch ist nur den Gelehrten offen,
obwohl er aus solchen Allgemeingültigkeiten im Denken entstammt,
wie etwa der: alles, was unkörperlich ist, ist nicht verortet usw.;
denn diesen Satz vertreten nicht die üblichen, sondern nur die Gelehrten.
7. 7.
II. diuersum est esse et id quod est;
ipsum enim esse nondum est,
at uero quod est accepta essendi forma est atque consistit.
2. Verschieden sind Sein [a] und das, was ist;
Sein selbst nämlich ist noch nicht,
sondern erst das, was ist, indem es die Seinsform empfangen hat, ist und besteht.
8. 8.
III. quod est participare aliquo potest,
sed ipsum esse nullo modo aliquo participat.
fit enim participatio cum aliquid iam est;
est autem aliquid, cum esse susceperit.
3. Was ist, kann an etwas anderem teilnehmen,
aber Sein selbst nimmt in keiner Weise an etwas anderem teil.
Teilnahme geschieht nämlich erst, wenn etwas bereits ist;
etwas ist aber dadurch, dass es Sein aufgenommen hat.
9. 9.
IIII. id quod est habere aliquid præterquam quod ipsum est potest;
ipsum uero esse nihil aliud præter se habet admixtum.
4. Das, was ist, kann etwas über den Umstand, dass es ist, hinaus an sich haben;
Sein selbst aber hat über sich hinaus nichts, was ihm beigemischt wäre.
1o. 1o.
V. diuersum est tantum esse aliquid et esse aliquid in eo quod est;
illic enim accidens hic substantia significatur.
5. Verschieden sind nur etwas Bestimmtes sein und etwas sein bei dem, was ist;
dort wird nämlich ein Zufälliges, hier die Substanz bestimmt.
11. 11.
VI. omne quod est participat eo quod est esse, ut sit;
alio uero participat ut aliquid sit.
ac per hoc id quod est participat eo quod est esse ut sit;
est uero ut participet alio quolibet.
6. Alles, was ist, nimmt teil an dem, was Sein ist, damit es ist;
an anderem nimmt es jedoch teil, um irgendetwas zu sein.
Und dadurch nimmt das, was ist, teil an dem, was Sein ist, damit es ist;
es ist aber, um teilnehmen zu können an einem beliebig anderen.
12. 12.
VII. omne simplex esse suum et id quod est unum habet. 7. Alles Einfache hat sein Sein und das, was ist, in einem.
13. 13.
VIII. omni composito aliud est esse, aliud ipsum est. 8. Bei allem Zusammengesetzten dagegen ist Sein etwas anderes, als es selbst ist.
14. 14.
IX. omnis diuersitas discors, similitudo uero appetenda est;
et quod appetit aliud,
tale ipsum esse naturaliter ostenditur
quale est illud hoc ipsum quod appetit.
9. Alle Verschiedenheit ist Uneinigkeit, Gleichheit jedoch wird angestrebt;
und was ein anderes anstrebt,
erweist natürlicherweise, dass es selbst so beschaffen sei,
wie jenes selbst ist, das es anstrebt.
15. 15.
sufficiunt igitur quae præmisimus;
a prudente uero rationis interprete
suis unumquodque aptabitur argumentis.
Es genügt somit, was wir vorausgeschickt haben;
aber ein kluger Deuter im Begrifflichen
wird jeden Einzelsatz seinen Argumenten anpassen.
16. 16.
quæstio uero huiusmodi est: Die Untersuchung nun verläuft wie folgt:
17. 17.
ea quæ «sunt» bona sunt;
tenet enim communis sententia doctorum
omne quod est ad bonum tendere,
omne autem tendit ad simile.
Alles, was „ist”, ist vollkommen;
die allgemein geltende Auffassung der Gelehrten hält nämlich fest,
dass alles, was „sei”, sich zum Vollkommenen entwickeln wolle,
alles aber will sich zu einem Gleichartigen entwickeln.
18. 18.
quæ igitur ad bonum tendunt
bona ipsa sunt.
Was sich also zum Vollkommenen entwickeln will,
ist selbst schon ein Vollkommenes.
19. 19.
sed quemadmodum bona sint, inquirendum est:
utrumne participatione an substantia?
Aber inwiefern es nun schon ein Vollkommenes ist, muss erst untersucht werden:
ob durch Teilhabe oder durch sein eigenes Wesen?
2o. 2o.
si participatione, per se ipsa nullo modo bona sunt;
nam quod participatione «album» est,
per se in eo quod ipsum est «album» non est.
Wenn durch Teilhabe, ist es keineswegs an sich selbst schon vollkommen;
denn was durch Teilhabe „weiss” ist,
ist nicht an sich selbst, in dem, was es selbst ist, schon „weiss”.
21. 21.
et de ceteris qualitatibus eodem modo. Und von anderen Eigenschaften gilt das Gleiche.
22. 22.
si igitur participatione sunt bona,
ipsa per se nullo modo bona sunt:
non igitur ad bonum tendunt.
Wenn es also durch Teilhabe vollkommen ist,
ist es keineswegs an sich selbst schon vollkommen:
also will es sich nicht zu einem Vollkommenen entwickeln.
23. 23.
sed concessum est. Aber eben dies ist doch bereits zugestanden worden!
24. 24.
non igitur participatione sunt bona sed substantia. Folglich ist es nicht durch Teilhabe, sondern durch sein eigenes Wesen vollkommen.
25. 25.
quorum uero substantia bona est, id quod «sunt» bona sunt;
id quod «sunt» autem habent ex eo quod est «ESSE».
Alles aber, dessen Wesen vollkommen ist, ist schon darin, dass es „ist”, vollkommen;
die Tatsache, dass es „ist”, hat es aber von dem, was „zu SEIN” ist.
26. 26.
ESSE igitur ipsorum bonum est;
omnium igitur rerum «ipsum ESSE» bonum est.
Zu SEIN ist bei all dem bereits das Vollkommene;
folglich ist bei allen Dingen „zu SEIN selbst” das Vollkommene.
27. 27.
sed si «ESSE» bonum est,
ea quae «sunt» in eo quod «sunt» bona sunt
idemque illis est «ESSE» quod «boni esse»;
substantialia igitur bona sunt,
quoniam non participant bonitatem.
Aber wenn „zu SEIN” das Vollkommene ist,
ist alles, was „ist”, schon darin, dass es „ist”, vollkommen,
und „zu SEIN” bedeutet für es dasselbe wie „vollkommen zu sein”;
die Wesen sind folglich vollkommen,
da sie ja an Vollkommenheit nicht bloss teilhaben.
28. 28.
quod si ipsum «ESSE» in eis bonum est,
non est dubium quin substantialia cum sint bona,
primo sint bono similia
ac per hoc hoc ipsum bonum erunt;
nihil enim illi præter se ipsum simile est.
Wenn nun aber „zu SEIN” selbst in ihnen schon das Vollkommene ist,
folgt zweifellos, dass auch die Wesenheiten, da sie vollkommen seien,
dem höchsten Vollkommenen gleichartig seien
und eben dadurch dieses Vollkommene selbst sein werden;
nichts ist nämlich jenem gleichartig, - es sei denn es selbst.
29. 29.
ex quo fit ut omnia quæ «sunt»deus sint,
quod dictu nefas est.
Daraus geht hervor, dass alles, was „ist”, Gott ist;
das so zu formulieren ist aber unstatthaft.
3o. 3o.
non sunt igitur substantialia bona
ac per hoc non in his est ESSE bonum;
non sunt igitur in eo quod «sunt» bona?
Folglich sind nicht die Wesen schon vollkommen
und dadurch ist auch „zu SEIN” bei ihnen noch nicht das Vollkommene;
sie sind also noch nicht dadurch, dass sie „sind”, schon vollkommen?
31. 31.
sed nec participant bonitatem;
nullo enim modo ad bonum tenderent?
Und sie haben aber auch nicht einmal an der Vollkommenheit teil;
sie wollen sich nämlich keineswegs zum Vollkommenen entwickeln?
32. 32.
nullo modo igitur sunt bona? Folglich sind sie keineswegs vollkommen?
33. 33.
huic quæstioni talis poterit adhiberi solutio. Als Lösung für diese Problematik mag folgende Argumentation dienen:
34. 34.
multa sunt quæ cum separari actu non possunt,
animo tamen et cogitatione separantur;
ut cum triangulum uel cetera a subiecta materia nullus actu separat,
mente tamen segregans
ipsum triangulum proprietatemque eius
præter materiam speculatur.
Es gibt vieles, das, obwohl es in Wirklichkeit nicht getrennt werden kann,
im Bewusstsein und Denken dennoch getrennt wird;
wie z.B.: obwohl keiner ein Dreieck oder Ähnliches von der unterlegten Materie wirklich abtrennt,
er dennoch, indem er es geistig absondert,
das Dreieck selbst und seine Eigengesetzlichkeiten
unabhängig von der Materie anschaut.
35. 35.
amoueamus igitur primi boni præsentiam paulisper ex animo,
quod esse quidem constat
idque ex omnium doctorum indoctorumque sententia
barbararumque gentium religionibus cognosci potest.
Wir wollen also das Dasein eines höchsten Vollkommenen vorübergehend wegdenken,
obwohl natürlich feststeht, dass es existiert,
und dies an der Übereinstimmung aller Gelehrten wie Ungelehrten
und sogar noch an den Religionsübungen der Sachsen abgelesen werden kann.
36. 36.
hoc igitur paulisper amoto ponamus
omnia esse quæ sunt bona
atque ea consideremus quemadmodum bona esse possent,
si a primo bono minime defluxissent.
Indem dies also vorübergehend weggedacht wird, wollen wir annehmen:
dass alles, was vollkommen sei, existiere,
und wollen dann überlegen: auf welche Weise denn nun Vollkommenes existieren könne,
wenn es überhaupt nicht von einem höchsten Vollkommenen abgeleitet werden könne.
37. 37.
hinc intueor
aliud in eis esse quod «bona sunt»,
aliud quod «sunt».
Daran erkenne ich,
dass es bei ihm etwas anderes ist, „vollkommen zu sein”,
als: „zu sein”.
38. 38.
ponatur enim una eademque substantia bona esse «alba», «grauis», «rotunda»;
tunc aliud esset ipsa illa substantia,
aliud eius rotunditas, aliud color, aliud bonitas;
nam si hæc singula idem essent quod ipsa substantia,
idem esset grauitas quod color,
color quod bonum et bonum quod grauitas -
quod fieri natura non sinit.
Denn angenommen: ein und dasselbe vollkommene Wesen wäre „weiss”, „schwer” und „rund”;
dann wäre eben jenes Wesen selbst
seine Rundheit, Farbe und Vollkommenheit nicht dasselbe;
denn wenn diese einzelnen Eigenschaften mit dem Wesen selbst identisch wären,
dann wären seine Schwere und Farbe identisch,
Farbe wäre mit dem Vollkommenen und das Vollkommene mit Schwere identisch -
aber die Natur lässt nicht zu, dass so etwas wirklich wird.
39. 39.
aliud igitur tunc in eis esset «ESSE», aliud «aliquid esse»,
ac tunc bona quidem essent,
«ESSE» tamen ipsum minime haberent bonum.
Es wäre dann also nicht dasselbe für die Dinge, „zu SEIN”, und „etwas Bestimmtes zu sein”,
und so wären sie dann in gewisser Weise vollkommen,
hätten aber keineswegs „zu SEIN” als Vollkommenes.
4o. 4o.
igitur si ullo modo «essent»,
non a bono ac bona essent
ac non idem essent quod bona,
sed eis aliud esset «ESSE» aliud «bonis esse».
Wenn sie also auf irgendeine Weise „wären”,
wären sie nicht auch zugleich vom Vollkommenen her vollkommen
und wären nicht mit dem, was vollkommen ist, identisch,
sondern das unterschiede sich bei ihnen: „zu SEIN” und „zum Vollkommenen zu gehören”.
41. 41.
quod si nihil omnino aliud essent nisi «bona»
neque «grauia» neque «colorata» neque «spatii dimensione distenta»
nec ulla in eis qualitas esset,
nisi tantum «bona» essent,
tunc non res sed rerum uiderentur esse principium
nec potius «uiderENTVR», sed «uiderETVR»;
VNVM enim solumque est huiusmodi,
quod tantum «bonum» aliudque nihil sit.
Denn wenn sie überhaupt nichts anderes wären als etwas „Vollkommenes” -
weder „Schweres” noch „Gefärbtes” noch „räumlich Ausgedehntes”,
und wenn sie überhaupt keine weitere Eigenschaft an sich hätten,
als bloss diese: „vollkommen” zu sein,
dann wären sie nicht Dinge, sondern schienen eher das Prinzip der Dinge zu sein -
d.h. nicht „SIE schienen”, sonders „ES schiene”;
das EINE allein ist nämlich derart,
dass es bloss „vollkommen” ist und nichts darüber hinaus ist.
42. 42.
quae quoniam non sunt simplicia,
nec «esse» omnino poterant,
nisi ea id quod solum bonum est
esse uoluisset.
Da diese Dinge nun nicht einfach sind,
könnten sie auch nicht einmal „sein”,
wenn nicht das, was als Einziges vollkommen ist,
gewollt hätte, dass sie seien.
43. 43.
idcirco quoniam ESSE eorum a boni uoluntate defluxit,
bona esse dicuntur.
Und nur deshalb, weil ihr SEIN aus dem Willen des Vollkommenen hervorgeströmt ist,
gelten sie als „vollkommen”.
44. 44.
primum enim bonum,
quoniam «est»,
in eo quod est bonum est;
secundum uero bonum,
quoniam ex eo fluxit cuius «ipsum ESSE» bonum est,
ipsum quoque bonum est.
Das höchste Vollkommene nämlich ist,
einfach weil es „ist”,
in dem, was da ist, vollkommen;
ein zweites Vollkommenes aber ist,
da es ja aus dem hervorgeströmt ist, bei dem „zu SEIN selbst” das Vollkommene ist,
auch selbst vollkommen.
45. 45.
sed «ipsum ESSE» omnium rerum ex eo fluxit
quod est primum bonum et quod bonum tale est
ut recte dicatur
in eo quod «est» esse bonum.
Aber „zu SEIN selbst” ist bei allen Dingen aus dem hervorgeströmt,
was das höchste Vollkommene ist und was derartig vollkommen ist,
dass zu Recht gesagt wird:
indem etwas nur „sei”, sei es schon vollkommen.
46. 46.
ipsum igitur eorum «ESSE» bonum est;
tunc enim in eo.
Folglich ist in ihnen „zu SEIN” selbst das Vollkommene;
denn das ist auch in ihm selbst nicht anders.
47. 47.
qua in re soluta quæstio est. Damit ist das Problem gelöst.
48. 48.
idcirco enim licet in eo quod «sint» bona sint,
non sunt tamen similia primo bono,
quoniam non quoquo modo sint res
ipsum ESSE earum bonum est,
sed quoniam non potest esse ipsum ESSE rerum,
nisi a primo ESSE defluxerit, id est bono;
idcirco ipsum ESSE bonum est
nec est simile ei a quo est.
Mag deshalb gelten: dass die Dinge in dem Punkt, dass sie „sind”, vollkommen sind,
so sind sie dennoch dem höchsten Vollkommenen nicht gleichartig,
da ja nicht aufgrund all der Erscheinungsweisen der Dinge
ihr SEIN selbst schon vollkommen ist,
sondern da ja nicht einmal das SEIN selbst der Dinge dasein könnte,
wenn es nicht vom höchsten SEIN ausgeströmt wäre, dh. vom Vollkommenen;
deshalb ist ihr SEIN selbst vollkommen
und ist doch dem, von dem es herkommt, nicht gleichartig.
49. 49.
illud enim quoquo modo sit bonum est in eo quod «est»;
non enim aliud est præterquam «bonum».
Jenes nämlich ist - auf welche Weise es auch sein mag - vollkommen darin, dass es „ist”.
denn es ist nichts ausserdem - nur eben dies: „vollkommen”.
5o. 5o.
hoc autem nisi ab illo esset, bonum fortasse esse posset,
sed bonum in eo quod «est» esse non posset.
Wenn dieses aber nicht von jenem her wäre, könnte es zwar vielleicht vollkommen sein,
aber es könnte nicht in dem Punkt vollkommen sein, dass es „ist”.
51. 51.
tunc enim participaret forsitan bono;
ipsum uero «ESSE» quod non haberent a bono,
bonum habere non possent.
Denn dann hätte es unter Umständen Anteil am Vollkommenen;
aber „zu SEIN” selbst könnten diejenigen, die es nicht vom Vollkommenen empfingen,
auch nicht als Vollkommenes haben.
52. 52.
igitur sublato ab his bono primo mente et cogitatione,
ista licet essent bona,
tamen in eo quod essent bona esse non possent;
et quoniam actu non potuere exsistere,
nisi illud ea quod uere bonum est produxisset,
idcirco et ESSE eorum bonum est
et non est simile substantiali bono
id quod ab eo fluxit.
Wenn also das höchste Vollkommene von diesen abgezogen und weggedacht wird,
mag zwar gelten, dass sie noch vollkommen seien,
sie könnten dennoch in dem Punkt, dass sie „sind”, nicht vollkommen sein;
und weil sie in Wirklichkeit nicht existieren könnten,
wenn jenes eine wahrhaft Vollkommene sie nicht hervorgebracht hätte,
deshalb ist zum einen ihr SEIN vollkommen
zum andern ist dem wesenhaft Vollkommenen
das, was von ihm ausgeströmt ist, nicht gleichartig.
53. 53.
et nisi ab eo fluxissent, licet essent bona,
tamen in eo quod «sunt» bona esse non possent,
quoniam et praeter bonum et non ex bono essent,
cum illud ipsum bonum primum et «ipsum ESSE» sit
et «ipsum bonum» et «ipsum esse bonum».
Und wenn es nicht von ihm ausgeströmt wäre, könnte es zwar als vollkommen gelten,
könnte aber dennoch nicht in eben dem Punkt, dass es „ist”, vollkommen sein,
da es ja auch ausserhalb des Vollkommenen und nicht aus dem Vollkommenen hervorgegangen wäre,
obwohl jenes selbst doch das höchste Vollkommene und „zu SEIN selbst” ist
und „das Vollkommene selbst” und „das Vollkommene selbst zu SEIN”.
54. 54.
at non etiam alba in eo quod sunt alba
ESSE oportebit ea quæ alba «sunt»,
quoniam ex uoluntate dei fluxerunt ut essent alba?
- minime.
Aber müsste nicht das Weisse in dem Punkt, dass es weiss ist,
auch das noch SEIN, was das Weisse „ist”,
da es ja aus dem Willen Gottes hervorgeströmt ist, dass es weiss ist?
- Keineswegs.
55. 55.
aliud est enim «ESSE», aliud «albis esse»;
hoc ideo, quoniam qui ea ut «essent» effecit
bonus quidem est,
minime uero «albus» ...
„Zu SEIN” ist nämlich etwas anderes als „zum Weissen zu gehören”;
und zwar deshalb, weil ja derjenige, der bewirkt hat, dass sie „seien”,
zwar ganz gewiss vollkommen ist,
keinesfalls aber „weiss” ...
56. 56.
uoluntatem igitur boni comitatum est
ut essent bona in eo quod «sunt»;
uoluntatem uero non albi non est comitata
talis eius quod «est» proprietas
ut esset album in eo quod est;
neque enim ex albi uoluntate defluxerunt.
Mit dem Willen des Vollkommenen geht also einher,
dass es vollkommen ist in dem Punkt, dass es „ist”;
mit dem Willen des Nicht-Weissen geht aber nicht
eine solche Eigentümlichkeit dessen, das da „ist”, einher,
dass es in dem Punkt, dass es „ist”, weiss sein soll;
denn es ist ja auch nicht aus einem Weissheits-Willen hervorgeströmt.
57. 57.
itaque quia uoluit ESSE ea alba qui erat non albus,
«sunt» alba tantum;
quia uero uoluit ea ESSE bona qui erat bonus,
sunt bona in eo quod «sunt».
Deshalb, weil der, der nicht weiss war, wollte, dass dieses Weisse SEI,
„ist” dieses Weisse;
weil aber der, der vollkommen war, wollte, dass dieses Vollkommene SEI,
ist es vollkommen in dem Punkt, dass es „ist”.
58. 58.
secundum hanc igitur rationem cuncta oportet esse iusta,
quoniam ipse iustus est qui ea ESSE uoluit?
ne hoc quidem!
Müsste denn mit der gleichen Logik alles gerecht sein,
weil ja er selbst gerecht ist, der wollte, dass es SEI?
Nicht einmal das!
59. 59.
nam bonum esse essentiam,
iustum uero esse actum respicit.
Denn es ist zu bedenken, dass das Vollkommene eine Seinsheit,
das Gerechte aber ein Vollzug ist.
6o. 6o.
idem autem est in eo esse quod agere;
idem igitur bonum esse quod iustum.
Dasselbe aber ist darin Sein wie Vollziehen;
dasselbe ist folglich Gutsein wie Gerechtsein.
61. 61.
nobis uero non est idem esse quod agere;
non enim simplices sumus.
Uns hingegen sind Sein wie Vollziehen nicht dasselbe;
wir sind nämlich nicht einfache.
62. 62.
non est igitur nobis idem bonis esse quod iustis,
sed idem nobis est esse omnibus in eo quod sumus.
Sein ist deshalb für uns als Gutes nicht dasselbe wie ein Gerechtes,
sondern dasselbe ist uns allen Sein darin, dass wir sind.
63. 63.
bona igitur omnia sunt, non etiam iusta. Gut ist folglich alles, nicht jedoch gerecht.
64. 64.
amplius bonum quidem generale est,
iustum uero speciale;
nec species descendit in omnia.
Weiters ist das Gute allgemein,
das Gerechte hingegen besonders;
und das Besondere geht nicht im Ganzen auf.
65. 65.
idcirco alia quidem iusta - alia aliud
omnia - bona.
Deswegen ist das eine gerecht - das andere anders,
alles - gut.
A.M.T.S.BOETHIVS
ADNOTATIONES


a] Das Wesentliche aller sich verwirklichenden Form wäre nach BOETHIVS die Idee des Seins selbst, reines Sein; alles Seiende nähme teil an diesem Sein (esse) und würde dessen reines Sein werdend anstreben. Sein ist ein eigenschaftsloses Sichvollziehen, der actus purus wie die Gottheit, die ist, indem sie sich erkennt, und sich erkennt, indem sie ist, nur eben nicht als ein Seindes unter anderem, sondern als das Sein aller sein-wollenden, das Sein empfangenden Wesen. Sie empfangen es, indem sie am schaffend sich-mitteilenden Sein teilnehmen und sich daran entwickeln; im Mass dieser Entwicklung sind sie das Sein auch.