signum akadémeias
SCRIPTVM VI
R e g i n a
della sera
MR162
Α Λ Φ Α
 
Ihr ahnt wohl,

wie schwer mir's gefallen in Worte zu fassen,

was seit meiner Jugend die Seele bedrängt.

 

Und erst jetzt leg'ich vor euch verdichtete Sätze,

wie unter uns Menschen verstreut

Beatrice, die Dante berief.

 
 
I
 

Noch Sonne im Antlitz,
schon Sterne im Haar,
Königin schöne,
dein Abend ist klar.

Das Wort ist gelebt,
die Nacht rührt uns an,
Königin dunkle,
mein Tag ist getan.

Ins Tief deiner Augen
zu schauen bereit,
Königin liebe,
vergess'ich die Zeit.¹


1 venerdi
 
II²
 

Und dunkel im Wollen
bis tief ins Gebein,
Königin wirbelnd,
erahn'ICh Dein Sein.³

Mit Nebeln im Fühlen
als erstem Gewicht,
Königin starke,⁴
empfind'ICh Dein Licht.

Ja strahlend im Denken
gelenkt auf Dein Schild,
Königin weise,⁵
erkenn'ICh Dein Bild.


2 sviluppo macrocosmico (pianetario)
3 cosmo di essere (Saturno vecchio)
4 cosmo di forza (Sole vecchio)
5 cosmo di sapienza (Luna vecchia)
 
III
 

Mit schlagendem Herzen
als erstem Impuls,
Königin schwere,
beleb'ich den Puls.

Im Heben und Senken
gewölbter Gestalt,
Königin weite,
strömt Luft in mich kalt.

Und haftet mein Auge
am Glanz⁷ deiner Stirn,
Königin schlanke,
erwacht mein Gehirn.


6 nascita microcosmica (individuale)
7 di rivelazione
 
IIII
 

So schau'ich verschwommen
den irdischen Kreis,
Königin warme,
von Glut bis zu Eis.

Begreife im Schauen
gespanntes Geschehn,
Königin wiegend,
im Kommen und Gehn.

Voll Liebe im Herzen
und Staunen im Sinn,
Königin grosse,
den Tag ich beginn'.

 
 
V
 

Beginne zu gehen
noch ohne Geschick,
Königin feste,
mich sichert dein Blick.

Ich will zu dir sprechen
mit Silbe und Laut,
Königin, höre:
du bist mir vertraut.⁸

Wie bildet mein Denken
mir Bahnen ins All,
Königin stille,
vom Kies zum Kristall!⁹


8 imparare a traverso la fiducia
9 pensare forma cristalli di sale
 
VI
 

Doch trag'ich nicht selber
dank meiner Gestalt,
Königin fremde,
auch hohe Gewalt?

Verhindert das Trinken
aus ewigem Schaft,
Königin strenge,
nicht eigene Kraft?¹°

Ja, spür'ich nicht schmerzlich
den Druck deiner Hand? -
Königin harte,
was soll mir dein Band!


10 svegliarsi grazie alla sfiducia (pubertà)
 
VII
 

Beengen mich Hüllen
wie frostiger Reif,
Königin klamme,
dann werde ich steif.

Beleben, bewegen
von Scheitel bis Bauch,¹¹
Königin graue,
schafft Farben im Rauch!

Das Hiersein ergreifen
ins Heute hinein,
Königin merke:
dies will ich allein.¹²


11 sino ai fiori di loto (chacri)
12 diventare adulti tramite la volontà

 
VIII
 

Aus mir zu verwandeln,
was in mich gelegt,
Königin weisse,
das nenn'ich bewegt.

Aus Feuer die Stürme,
dann Wasser, dann Brot,
Königin schwarze,¹³
hinein in den Tod.

Aus ihm lieb'ich's Leben
mit reichem Bezug,
Königin bunte,¹³
die Welle vorm Bug.¹⁴


13 cfr. Mbl.22
14 possibilità (future) di fronte all' Io

 
IX
 

Das Boot in der Welle
dem Sternhimmel nach,
Königin schäumend,
und nur nicht gemach.

Indem ich nun suche
nach dem, was mir fehlt,
Königin kluge,
bist du es, die wählt?

Denn dich find'ich wieder
verborgen im Mann,
Königin seltsam,
den ich mir gewann. ¹⁵


15 coniunctio oppositorum

 
X
 

Wohl sollte die Gangart
gemessener sein,
Königin zarte,
dein Wink führt mich ein.

Verlangsam'ich meinen
verwegenen Schritt,
Königin ruhige,
dann zeigst du den Tritt.

Erwacht in der Seele
am Zittern im Teich,¹⁶
Königin hohe,
betret'ich dein Reich.¹⁷


16 מ (MEM), quaranta (cfr. Jh.5,4)
17 מלכות (MALCHUTH cfr. MblB.E: Abs.11})
 
XI¹⁸
 

Welch wärmendes Strahlen
erfüllt deine Flur!
Königin, mählich
ertrag'ich es nur.

Wohl bringt jene Helle
auch Schatten hervor -
Königin, Licht singt
mit Dunkel im Chor?

Dank ewigem Umlauf
erklingt deine Welt,
Königin, wie für das
Leben bestellt.


18 forze formative
 
XII¹⁹
 

Mit Wärme nehm' wahr ich
das Spiel deiner Kunst,
Königin, leichtfüssig
wirbeln im Dunst;

im Kreisen und Wogen,
in Aufspritz und Fall,
Königin, weitflächig
rollenden Schall;

im Tragen und Lasten
dein Formen am Raum:
Königin, endlos und krumm
ist dein Saum.


19 elementari
 
XIII
 

Dein Saum, der umfängt
jener Fülle Gewalt,
Königin, fertigt dem Stoff
den Gehalt

und festigt der Kräfte
lebendigen Schwung -
Königin uralte,
wie bist du jung!

Gelassener Anmut
trägst du im Wind²°,
Königin, herrlich
durchs All hin dein Kind.²¹


20 רוח (RUAH)
21 Natale cosmico
 
XIIII
 

Im Wind ohne Luftstrom
durchs All ohne Stern,
Königin, finster
ergreift's dich von fern;

trägst lächelnd das Neue
zur Insel im Meer -
Königin, erdenwärts
zieht es dich schwer ...

Allein in der Menge
gebierst du den Sohn:²²
Königin, einsam im Tal
steht dein Thron.


22 Natale terreno (cfr. MblB.E: Abs.29}-35})
 
XV
 

Hat wohl gespürt, wie das Licht ihr zerfloss,
die im Dämmern verlassene.
Bitter das Lächeln und düster die Stirn
der in Asche geworfenen:
ist in den Wirkkreis des Werdens gebannt,
hat vergessen die Leichte des Seins.

Und doch war sie willig ins Jetzt hier gesunken,
grad hinter den Spiegel des Mondes,
das Kind vom Gewässer aufs Land zu begleiten,
Granit unter spärlichem Humus.
Im Grün sollt' sein Lachen die Herzen erwärmen,
und grau sollte ihres vergehn.

 

 
XVI
 

Denn war's nicht stets das Leben,
das Feuer schlug,
den Tod zu überwinden?
War's nicht der Weisheit Tochter,
die Leben trug,
den Drachen neu zu binden?

Genug.
Es wär' das Leben selbst denn
geschaffen, um zu finden!
In Trug-
und Blödheitsnetzen wird die Wahrheit
aber schwinden.


suono protagonista: Saturno
suono antagonista: Mercurio

 
XVII
 

Vergehn ihr die Sterne, durch Taufe und Tod,
der in Schwere versunkenen,
wächst ihr der Mut unter uns zu bestehn,
der an Wegrändern wartenden.
Bietet dem Regen und Wind ihr Gebein
und der sengenden Sonne das Haupt.

Im Zug der Vorbeigeher weht ihr der Schleier
und spielen um sie die Gewänder,
zu zeigen den Hauch, der als Anmut erinnert
an einstige sphärische Schönheit.
Die weckt ein Verlangen in dumpfblinden Herzen,
der Öde auf kurz zu entfliehn.

 

 
XVIII
 

Denn ist's nicht stets ein Jagen
dem Leben nach,
in immer buntem Reigen?
Ist's nicht ein lautes Streben
ins Ungemach,
die Sterne zu verschweigen?

Wie wach
muss eine Seele sein denn,
der andren sich zu neigen!
Der Bach
wird vor dem Meer sich stets gelassen
weit verzweigen.


suono protagonista: Venere
suono antagonista: Luna
 
XIX
 

Entfliehn wird sie nicht dem getriebenen Griff,
die im Finstern noch glaubende,
nicht dem Verfallen der rohen Gewalt,
die im Elend noch hoffende!
Wär' auch ein Schimmer vom liebenden Klang
um ihr Antlitz, sie wär' doch allein.

Und schon kreisen enger die gierigen Schatten,
erfassen mit prüfenden Blicken
ihr Haar und was ihr geblieben an Hüllen
zu bergen das bangende Wesen.
Dem Beben begegnet ein rauhes Gehaben;
sie herrschen sie an: du komm mit!

 
 
XX
 

Denn wird's nicht stets uns saugen
ins Loch hinein
heraus aus weitem Schwingen?
Wird's nicht der Schwere Wollen
Bestreben sein,
ins Graue uns zu zwingen?

Halt ein!
Geläng' es uns die Bahn denn
ins Gleichgewicht zu bringen!
Ob Wein
und Brot an Kraft genug uns schenken
für dies Ringen?


suono protagonista: Luna
suono antagonista: Mercurio
 
XXI
 

Komm mit, zeig' dich her und verstecke dich nicht!
Was bedeckst du dich, Reizende?
Sind wir zu grobwürzig deinem Geschmack,
zu gering dir, du Staubige?
Meinst gar dein Leib wär' ein edles Gewächs,
eines Prinzen nur wert zum Gespiel!

Sie zerren der Jungfrau Gestalt auf den Marktplatz,
nicht kümmert sie Flehen, noch Klagen.
Sie reissen herab ihr die deckenden Kleider,
ergötzen sich an ihrer Blösse -
und bieten sie feil, wem auch immer gefiele
ihr tränengetränktes Gesicht.

 
 
XXII
 

Wenn ruheloses Denken
aus dem Gebot
die Formen zu erkennen
Bewegung will erfassen,
von blau zu rot
den Farbkreis sauber trennen,

nicht tot
im Schwarzen bleiben will, wenn
das Wort beginnt zu nennen
die Not,
dann ziehen Strahlen durch die Furchen,
sie zu brennen.


suono protagonista: Giove
suono antagonista: Marte
 
XXIII
 

Gesicht, das dem Tag zugewendet, erlischt
im Gewoge des Nächtlichen,
Brust, die der Frische entgegen sich wölbt,
muss erschlaffen im Stickigen.
Faust in den Locken zieht fest in den Raum,
dessen Fülle aus Schmutz ist, Gestank.

Und bar jeden Halts wird sie heftig gestossen,
fällt nackt auf den lehmigen Boden;
im Zwielicht bedeuten ihr strotzende Glieder
in dräuender, wüster Gebärde:
gekauft sei ihr Leib, unterworfen dem Willen,
der nimmt, was die Bestie begehrt.

 
 
XXIIII
 

Wenn sich die Menschen sehnen
im Lebenslauf
aus zärtlichem Verlangen
einander zu erkennen,
zu zweit darauf
den Augenblick zu fangen,

dann auf!
Doch weh dem Fühlen dann, wenn
Begegnung sie erzwangen!
Zuhauf
vergehn sie im Versuch, das Leben
zu erlangen.


suono protagonista: Sole
suono antagonista: Venere
 
XXV
 

Begehrt ihre Augen, die Ohren, den Mund,
will erobern die Schweigende,
greift nach den Schultern, den Brüsten, der Scham,
will bezwingen die Schaudernde.
Wehrt sie dem Zugriff, so peitscht es noch hoch
und befeuert verwilderte Lust.

Zuletzt gibt sie auf, und sie lässt es geschehen,
dass eindringt in ihre Bezirke,
was elenden Ekel und stechende Schmerzen
verursacht in zuckenden Stössen,
bis Nacht sie umfängt und mit eisiger Kälte
bewusstloses Dasein gewährt.

 
 
XXVI
 

Wenn laut die Wellen tosen,
ihr Diadem
an harten Felsenzungen
in tausend Tropfen splittert,
dann ist mit dem
ein Fehlschlag nur gelungen.

Und wem?
Zu Sand wird jeder Stein, wenn
vom Wollen er bezwungen.
Bequem
schäumt auf und wogt zurück, was da
an Land gedrungen.


suono protagonista: Marte
suono antagonista: Saturno
 
XXVII
 

Gewährt ihr die Gnade vergessener Schmach,
Ihr die Himmel Bewegenden,
nun, da sie dienend im Mondlicht erscheint,
Ihr die Erde Erhaltenden:
glimmt doch der einstige goldene Strahl
nun silbern im dämmrigen Glanz!

Die Dichte zu lockern hat sie's unternommen,
in unsre Bereiche zu fallen -
morastige Ebenen, steinige Felder
durchquert sie im Suchen nach Quellen,
die lebensverwandelnde Helligkeit spenden
aus wärmenden Strömen empor.

 
 
XXVIII
 

Kenn'ich die feinen Fäden,
an denen zieht
wohl hinter Himmelstoren
ein ferner Götterreigen,
dass dies Gebiet
für uns ward auserkoren?

Verriet
ein Kind mir ja, was ich kenn',
und hat es mir beschworen!
Geschieht
Ihr Wille, kehr'ich um und werde
neu geboren.


suono protagonista: Mercurio
suono antagonista: Giove
 
XXIX
 
W i l l s t
wieder gehen
durchs Verdichten,
willst bestehen
im Verwehen
aller Pflichten
und Versehen!
Dem Verzichten
rief der Wandel
der Geschichten:
musste schlichten
alten Handel,
ihn zu richten.

suono ostinato: Mercurio
suono protagonista: Marte
suono antagonista: Venere
 
XXX
 
H a s t
du vernommen
vor dem Nachten,
wie's gekommen,
dass benommen
wir nicht achten
jener Frommen,
deren Trachten
nach dem Funkeln
wir verlachten?
Wieviel wachten,
als vom Dunkeln
Kund' sie brachten?

suono ostinato: Venere
suono protagonista: Giove
suono antagonista: Saturno
 
XXXI
 
T r a u s t
ohne Zagen
gleissend blauen
Seelentagen,
die dich jagen
durch das Grauen,
dennoch tragen!
Im Vertrauen
auf die Sterne
magst du schauen,
dass die Lauen
in der Ferne
Welt erbauen.

suono ostinato: Sole
suono protagonista:Venere
suono antagonista: Marte
 
XXXII
 
W e i s s t
um die Zungen
all der Reihen,
die gesungen
und gerungen -
das Verzeihen
ist gelungen.
Wie die Freien
ungeboren
zu den Dreien
niederschneien;
dann verloren
leise schreien!

suono ostinato: Luna
suono protagonista: Saturno
suono antagonista: Giove
 
XXXIII
 
Bitterwasser,
salzerfülltes,
Meeresfluten bist du eigen,
aber auch aus manchen Pfühlen
quillt dein träger Tropfenreigen -
wehe denen in der Wüste,
die durstig solchem Nass sich neigen!
Suchen Kinder sich zu laben,
wird die Mutter Brunnen zeigen,
deren Wasser lautreich gluckert,
was uns Sand und Wind verschweigen.
 
 
XXXIIII
 
Marjam lächelt
ihren Kindern,
wie sie gierig Wasser schlürfen,
dann im Schutz der alten Palmen
spielen, später ruhen dürfen;
wägt das Gestern, ahnt das Morgen,
mag im Schicksalssilber schürfen -
taggereiste Lastkamele
nächtens ihrer Rast bedürfen
schwerer Augen matten Glanzes,
als ob Sterne Schatten würfen.
 
 
XXXV
 
Milchig glimmen
zu Myriaden
wohlbekannte Sternentrauben.
Wo nicht verstandeskühle Bilder
uns den Sinn des Lebens rauben,
zeigen sie im Reich der Mutter
Wege aus dem Kinderglauben:
oben hält die weise Schlange
streng die Bahnen weisser Tauben,
während auf dem Boden treue
Höckertiere schläfrig schnauben.
 
 
EA²³
 
E-
Ihr Mund und meine Zunge
sprechen: „Werde!”,
dass die Erde
neu an Leben und an Kraft,
neu an Klang und Wasser dann,
neu an Licht und auch an Luft
und an Wärme neu
erblühe.
-A
Und wenn erblüht,
was wir erwarten,
so mag in zarten,
weiten Spiegeln widerscheinen,
wie Gegensätze sich vereinen.

23 cfr. Soph-Ea
 
 
Ω Μ Ε Γ Α
 
Dir zum Grusse aus der Schwere meines Leibes,

Dir zum Grusse aus der Weite meiner Seele,

Dir zum Grusse aus der Fülle meines Geistes,

unnahbare Freundin,

fern dem Einen, eins Ihm,

ISIS in der שחנה,

Σοφιά μου, מירימי!

Omega aphorismo causa:
porro