zum IMPRESSUM
Merkblatt-
Beilage 47:
Illusion und Inspiration
Anthropomorphe und kryptoreligiöse Motive des Transhumanismus
Roland Halfen
«Die Wissenschaft denkt nicht»: Dieser starke Satz Martin Heideggers kam mir schon während meiner Studienzeit in München des Öfteren in den Sinn, wenn mein anfänglicher Respekt vor Mathematik- oder Physikstudenten bei gemeinsamen Verständnisbemühungen in Philosophie-Arbeitskreisen wie Butter in der Sonne dahinschmolz.¹ Gerade neuerdings drängte sich mir der Satz erneut auf, diesmal aber nicht angesichts verzeihlicher studentischer Unreife, sondern angesichts eines Artikels mit dem Titel ›Unsere Nachfahren werden Maschinen sein‹, der am 21. Oktober in der ›Neuen Zürcher Zeitung‹ erstmals in deutscher Sprache publiziert wurde.² Bei seinem Autor, Martin Rees, handelt es sich jedoch nicht um einen wissenschaftlichen Anfänger, sondern um einen der renommiertesten Wissenschaftler der Gegenwart. Der 1942 in York geborene Astronom der Cambridge University [a] wurde seit 1984 aufgrund seiner wissenschaftlichen Arbeit mit hochdotierten Auszeichnungen - vom Albert Einstein World Award of Science (2003) bis zur Isaac Newton Medaille (2012) - geradezu überhäuft, schließlich sogar in den Adelsstand erhoben worden (Baron Rees of Ludlow) und war ein halbes Jahrzehnt, von 2005 bis 2010, Präsident der Royal Society (PRS), der bedeutendsten britischen Gelehrtengesellschaft.³
Ausgehend von der Frage, wie erfolgversprechend die gegenwärtigen Bemühungen um Kontakt mit intelligenten außerirdischen Lebensformen einzuschätzen sind, wendet sich Rees in seinem Beitrag bald der Frage zu, unter welchen Voraussetzungen solche Suchbemühungen unternommen werden und wie sich diese Voraussetzungen in Zukunft entwickeln könnten. Dabei aktualisiert er - wieder einmal, möchte man sagen - das bereits seit den 1970er Jahren wohl am prominentesten von dem gleichaltrigen Hans Moravec propagierte Bild einer zukünftigen Evolutionsstufe der Menschheit, die in der Form einer rein maschinellen Zivilisation bestehen soll.⁴[b]
Wie man diese Perspektiven nun beurteilen mag, ist die eine Sache. Eine andere ist das psychologisch ausgesprochen interessante Phänomen, dass ein hochrangiger Wissenschaftler in Bezug auf solche Perspektiven seine logisch-wissenschaftliche Ausbildung mitsamt aller kritischen Sicherungsinstanzen anscheinend mühelos hinter sich lassen kann, um Dinge zu behaupten, deren logische und sachliche Inkonsistenzen schon ein Gymnasiast aufdecken könnte. Dabei fallen zwei Tendenzen ins Auge: Erstens die unreflektierte Anthropomorphisierung der Technik in Hinblick auf intelligente Leistung, und zweitens die, man könnte sagen »Biomorphisierung« der Technik im Hinblick auf stetige Selbstreproduktion.
Biomorphisierung der Technik
Beginnen wir mit der zweiten Tendenz: Konstitutiver Bestandteil dieser Vision ist die Annahme, dass »intelligente Systeme« irgendwann einmal in der Lage sein werden, sich nicht nur selbst zu reproduzieren, sondern noch darüber hinaus sich evolutiv fortzuentwickeln. Charakteristisch hierfür ist - wie auch bei der anderen Tendenz - das unbekümmerte Ausblenden des menschlichen Faktors innerhalb dieses Komplexes. Zwar existieren bereits viele technische Anlagen, zumal in der Alltagswelt, die eine scheinbar eigenständige Fehlererkennung vornehmen können. Aber gerade das beruht natürlich auf dem sonst einwandfreien Funktionieren des Systems als solchem. Die physikalische Haltbarkeit aller Elemente des Systems setzt der »Lebensdauer« jeder technischen Anlage eine natürliche Grenze, egal ob diese bei zehn, hundert oder tausend Jahren liegt. Um Ersatz zu schaffen, braucht es Rohstoffe und entsprechende Gewinnungs- und Verarbeitungsformen. Da alle diese in einer Kette liegen, die im günstigsten Falle bis zur Auswechslung des fehlerhaften Teils führen, ist die gesamte Kette nur so lange funktionsfähig, als alle beteiligten Elemente einwandfrei funktionieren, denn schon der Ausfall eines einzigen Elementes führt zwangsläufig zum Erliegen des gesamten Prozesses. Und was für die genannte Kette gilt, gilt natürlich genauso für die Technik, welche die Kette kontrolliert, wie auch für die Technik, welche die Kontrolltechnik kontrolliert usw. Während eine Pflanze, die man abschneidet, wieder neu wachsen und sich vervollständigen kann, kommt jedes - zumindest bislang bekanntes - technische Gerät bei dem Ausfall funktionsrelevanter Elemente schlicht zum Stillstand. Und ohne Eingreifen des Menschen bleibt das dann auch so.
Rees favorisiert zwar in seinem Aufsatz offenkundig den interstellaren Raum als eine für die Weiterentwicklung der Technik geeignetere Umgebung, weil, wie es dort heißt »der größte Konstruktionsspielraum« sei.[c] Und ganz sicher sind die natürlichen Faktoren der Abnutzung und Korrosion dort weniger zu fürchten als auf der Erde. Vor gelegentlichen Widrigkeiten wie einem Meteorregen oder einer Supernova geschützt ist man dort aber nur statistisch, d.h. nicht wirklich. Während sich die Erde von globalen Naturkatastrophen wie Meteoreinschlägen oder Vulkanausbrüchen im Laufe der Zeit glücklicherweise immer wieder erholen konnte, ist das im All bei rein technisch konstruierten und mechanisch verbundenen Einheiten nicht so. Denn die für eine Reparatur nötigen Werkstoffe kommen nun mal von der Erde - oder von anderen festen Himmelskörpern.[d]
Kurzum: Bevor man von einer selbständigen Fortentwicklung interstellarer Maschinerie träumt, sollte man zumindest die intellektuelle Redlichkeit besitzen, die schon keineswegs unerheblichen Probleme der Erhaltung bereits entstandener Technik ernstzunehmen. So angenehm der Traum von Notebooks, Autos oder Kühlschränken auch sein mag, die sich über Nacht selbst reparieren - im Moment geht die Entwicklung eher in die gegensätzliche Richtung, bei der das Smartphone oder der Flachbildschirm schon lange vor dem Defekt [e] gegen eine neue Version ausgetauscht wird.
Falls nun das Prinzip einer generellen Abschaffung der Reparatur durch stetige Neuproduktion als Lösung des Erhaltungsproblems erscheinen sollte: Es ist keine, weil es das Problem nur verschiebt. Ob nun etwas repariert werden kann, weil ein Ersatzteil zur Hand ist, oder eine ganze Einheit ausgetauscht wird, weil eine neue zur Verfügung steht: Immer wird man auf das Problem der Herstellung und der zweckmäßigen Einfügung zurückgeführt - ein Problem, das bislang nicht einmal in Ansätzen einer perpetuum reparabile-Lösung entgegengeht.
Vermeintliche Überlegenheiten
Das führt nun - ex negativo - auf den anderen Gesichtspunkt, also den der Intelligenzleistung. Dabei fällt auf, dass nicht nur wissenschaftliche Autoritäten wie Rees, sondern auch viele andere bei der Betonung künstlicher Intelligenz gegenüber der menschlichen zur Reduktion neigen. Obwohl in der Naturwissenschaft häufig aus Zweckmäßigkeitsgründen erfolgreich praktiziert, ist das an sich noch kein wissenschaftliches Vorgehen, sondern kann auch rein rhetorisch verwendet werden. Bei Rees klingt das dann so: »Nach allen Definitionen von ›Denken‹ dürfte die Leistung organischer Gehirne wie des menschlichen hinsichtlich Umfang und Intensität von der Hirntätigkeit künstlicher Intelligenz weit übertroffen werden.« Interessant ist hier schon allein die Wortwahl von der »Hirntätigkeit künstlicher Intelligenz«. Keine der vielen bisher gebauten Computer-Anlagen hat ein »Hirn«, und ein erfahrener Naturwissenschaftler sollte sich eigentlich dessen bewusst sein, dass die Rede vom Elektronengehirn nicht nur eine Metapher, sondern noch dazu eine überholte Metapher ist. Also kann man auch nicht von der »Hirntätigkeit« einer Maschine sprechen.
Dann gibt es hier eine Einschränkung, die der gewöhnliche Leser vielleicht überliest: »hinsichtlich Umfang und Intensität«. Das ist ein quantitativ bestimmbarer Parameter. Kaum jemand wird bestreiten, dass Supercomputer wie der chinesische ›Sunway TaihuLight‹ mit 93 PetaFlops⁵ (= 93 Millionen TeraFlops) und 1,31 PetaByte RAM in Bezug auf die schiere Menge der Prozesse über Vergleichbares im menschlichen Gehirn hinausgeht. Ernsthaft bestreiten aber lässt sich die - implizite - Behauptung, dass damit die Eigentümlichkeit des menschlichen Geistes als einer schöpferischen und selbstbewussten Instanz auch nur annäherungsweise getroffen ist. Es ist wenig beeindruckend, sich vorzustellen, in wie kurzer Zeit ein derartiger Supercomputer sämtliche möglichen Wortkombinationen eines 150 Seiten langen Textes generieren könnte, wenn man das mit der menschlichen Fähigkeit zum Schreiben eines auch nur mittelmäßigen Romans vergleicht - bei der es übrigens auch gar nicht auf irgendeine Art von Schnelligkeit ankommt. Das Problem bei der Verherrlichung der »künstlichen Intelligenz« ist vielmehr, dass der Verherrlichende seine eigenen geistigen Fähigkeiten erst einmal massiv reduzieren muss, um in den Tunnelblick solcher Vergleichbarkeiten einspuren zu können.
Anthropomorphisierung der Technik
Ein Computer ist nach wie vor nicht mehr und nicht weniger als eine mit Strom betriebene Maschine,[f] die von erfindungsreichen Menschen konzipiert und realisiert wurde, um - in bestimmten Fällen - dem sie bedienenden Menschen so weit wie möglich den Eindruck zu vermitteln, als könne man mit ihr auf ähnliche Weise wie mit einem lebenden Menschen kommunizieren, als könne sie »Probleme erkennen«, »Neues lernen«[g] und »Aufgaben lösen«.⁶ Das ist eine respektable Zielrichtung, nur darf man das »als ob« nicht mit der Realität [h] eines denkenden - und Maschinen konstruierenden - Menschen verwechseln. Goethe hatte es zwar schon bemerkt, dass der Mensch kaum gewahr wird, wie anthropomorphisch er die Welt betrachtet,⁷ aber wie unwillkürlich das geschieht, kann zum Beispiel Stanley Kubricks Film ›2001 - Odyssee im Weltraum‹ von 1969 eindrücklich vor Augen führen.
Dort ist die interplanetarische Mission eines Raumschiffes - vielleicht eine Metapher für die Erde als räumlich begrenzter interstellarer Lebensort - an das Elektronengehirn des Supercomputers HAL 9000 gebunden, der aus einer Art Selbsterhaltungstrieb heraus »beschließt«, die Crew zu dezimieren, weil sie ihm unterstellt, einen Fehler gemacht zu haben, den er »nicht einsehen will«, und ihn daraufhin abzuschalten beabsichtigt. Aber schon lange vorher setzt die Anthropomorphisierung auf Seiten des Zuschauers ein, wenn dem Computer in einem Interview Fragen wie einem lebendigen und empfindenden Wesen gestellt werden. Aufgrund der menschlichen Sprache [i] des Computers muss der Zuschauer unwillkürlich zu der Annahme tendieren, HAL [k] sei aufgrund seiner »Unfähigkeit, einen Fehler zuzugeben«, neurotisch, verrückt oder größenwahnsinnig geworden, statt einen simplen, rein technischen Defekt innerhalb der Schaltkreise als rationale Ursache der Tragödie zu betrachten. Kubrick ist es damit gelungen, die tiefgründige Problematik der existenziellen Abhängigkeit von einem anthropomorph inszenierten Rechner nicht bloß vor Augen zu stellen, sondern zugleich den Zuschauer aktiv daran zu beteiligen.[l]
Vergleichbares findet sich in Isaak Asimovs »Robotergesetzen«, die in Regeln bestehen, die ein Roboter zu befolgen hat, als wäre er ein Mensch, der Entscheidungen treffen und Verantwortung für sein Tun übernehmen kann, also etwa: »Niemals einem Menschen Schaden zufügen.«⁸ Diese ganzen »Robotergesetze« entpuppen sich als blanke Illusion, wenn der banale Ausfall irgendeines Steuerungselementes zwangsläufig und ganz ohne Entscheidungsfreiheit dazu führt, dass ein Roboter einen Menschen überrennt, an die Wand drückt oder sonstwie aus dem Leben befördert.[m]
Die naive Anthropomorphisierung, welche die Basis sowohl für die Konzeption als auch für die Rezeption dieser Dinge liefert, erklärt im Falle von Rees aber bei weitem nicht die Ungerührtheit, mit welcher ein hochzertifiziert denkender Mensch die zukünftige Ablösung des Menschen durch die Maschine als konsequente Fortsetzung der biologischen Evolution im Medium der Technik betrachten kann. Dazu reichen im Grunde auch Phantasien [n] wie die folgende seines Textes nicht aus: Im interstellaren Raum »könnten nichtbiologische Gehirne zudem Einblicke gewinnen, die unsere Vorstellungskraft ebenso übersteigen wie die Stringtheorie die Phantasie einer Maus«. Auf einen solchen Vergleich muss man erstmal kommen. In Bezug auf Selbsterhaltung könnte man trocken entgegnen, dass eine Maus dem in 40 Serverschränken untergebrachten ›Sunway TaihuLight‹ hinsichtlich spontaner Ortsveränderung noch weit überlegener sein dürfte - diesmal aber nicht geträumt, sondern wirklich.
Kryptoreligiöse Motive
Aber schon die Behauptung, dass ein nichtbiologisches Gehirn »Einblicke gewinnen könnte«, also aktiv und aus eigener Motivation heraus Erkenntnisprozesse betreiben, geht weit an der prosaischen Realität von Computern vorbei, wenn man sie nicht als Hilfsmittel des erkennenden Menschen, sondern als solitäre Objekte ohne konzipierendes, herstellendes, bedienendes und reparierendes Beiwerk aus der Gattung Homo sapiens betrachtet. Man könnte allerdings sagen, es sei nur konsequent, wenn der Autor die Zukunft von Maschinen ohne Menschen schon mal so denkt, dass er die jetzige Bedeutung des Menschen für die Erfindung und Verwendung von Maschinen vergisst oder zumindest nicht für erwähnenswert hält. Nur weiß jedes Schulkind, dass die Welt nicht verschwindet, wenn man die Hände nur fest genug vor die Augen hält. Damit erweist sich die Verklärung einer Zukunft von sich selbst weiterentwickelnden Maschinen, welche die Menschen ablösen sollen, bei näherer Betrachtung mehr und mehr als eine Art freischwebender Glaubensinhalt. Während traditionelle Glaubensvorstellungen über die Zukunft eine menschliche Ewigkeitsperspektive beinhalten - nämlich entweder ins Reich der Engel hinauf- oder in das der Teufel hinabzusteigen -, bleibt nach dieser Glaubensvorstellung in den nichtorganischen Gehirnen vielleicht nicht einmal mehr so etwas wie eine »Erinnerung« an die eigenen Schöpfer und Vorfahren übrig.⁹
Vielleicht wird man sich zunächst sträuben, Rees' Zukunftsbild als Glaubensvorstellung zu bezeichnen und es gleichberechtigt neben die traditionellen Konfessionen zu stellen. Wenn man aber einmal von den technischen Inhalten absieht, handelt es sich durchaus um genuin eschatologische Gebilde, die nur aufgrund vehementer Ignoranz gegenüber der komplexen irdischen Realität von Mensch und Maschine zu existieren vermögen. Rees bezeichnet sich selber zwar als Atheist,[o] aber seine Ausführungen legen nahe, dass die in der traditionellen Religion bedienten Bedürfnisse - nach einem Ausblick in die Zukunft jenseits von Geburt und Tod, nach einer Verlegung des Wohnortes in den Himmel, nach ewigen Wesen, unverletzlich und ohne Makel, mit überragenden Einsichten in die Natur des Kosmos - auch in seinem seelischen Souterrain noch vernehmlich wirksam sind. Man könnte sagen: sträflich unversorgte Kellerleichen, die bislang nicht durch unangenehme Gerüche auffielen, weil sie nicht wirklich tot sind. Sonst hätte die kritische Intelligenz des Autors und seine Verpflichtung gegenüber den empirischen Befunden wohl kaum zugelassen, sich so mühelos über die ernst zu nehmenden Grenzen des Tatsächlichen hinweg in die überirdischen Gefühle des interstellaren Raumes hinüberzuphantasieren.
Aber sind es nur die ungepflegten, vielleicht sogar unterdrückten und daher zwangsläufig verkümmerten religiösen Triebe, die einen Wissenschaftler nach der Überschreitung seines Karrierezenits zu umgarnen vermögen und ihn sich aus dem überschaubaren Fundus eines rein technokratischen Baukastens seine freudlose Apokalypse zusammenfabulieren lassen? Oder folgt er darin nur dem Zeitgeist, der mit aller Macht der medialen Suggestion die schnellst- und höchstmögliche Verschmelzung des Menschen mit der Technik als einzig anstrebenswerte, wenn nicht sogar einzig denkbare Zukunft propagiert? Denn im Grunde ist darin doch bereits eine Machtübernahme durch die Maschine angelegt, nach welcher die Abschaffung des Menschen - oder seine nützliche Verwendung als Rohstofflieferant wie in dem Film ›Matrix‹ - nur noch eine der »Entscheidungen« ist, die in den Händen der verselbständigten Maschinen liegen?
Faszination und Inspiration
Die »Macht der Maschinen« beginnt nicht erst da, wo humanoide Automaten dem hilflosen Menschenuntertanen theatralische Befehle geben. Sie beginnt bereits in der Macht der Faszination.[p] Doch während die Medien in Form entsprechender Filme oder Werbung für funkelnde Uhren, alleskönnende Computer oder schlicht geile Automobile diese Faszination mit großem visuellen Aufwand bedienen, sind im unsichtbaren Hintergrund nicht die großen Maschinen aus Metall, sondern die kleinen »bots« aus praktisch Nichts dort am Werk, wo sich nachweislich bereits die Hälfte aller Internetaktivitäten - abgelöst von menschlichen Entscheidungen - vollzieht, nicht nur an der Börse und im Devisenhandel, wo es um Millisekunden geht und der Mensch mit dem bescheidenen Reaktionsvermögen seines anfälligen Nervensystems einfach nicht mithalten kann, sondern zunehmend auch in der politischen Gestaltung der Gesellschaft.¹°
Die Grenzen der menschlichen Erkenntnis liegen für Rees klar in seiner Physiologie begründet. Denn »es gibt chemische und stoffwechselbedingte Grenzen für die Größe und die Verarbeitungsleistung ›nasser‹ organischer Gehirne«. Danach müsste also der Pottwal mit seinem Gehirn von achteinhalb Kilogramm automatisch sechsmal so viel intelligenter als der Mensch mit seinen armseligen tausendvierhundertfünfzig Gramm sein. Erneut fragt man sich: Wird hier tatsächlich wissenschaftlich gedacht? Oder handelt es sich vielleicht eher um eine Art publizistischen Freundschaftsdienst für ein unterfinanziertes Kybernetik- oder IT-Institut?
Betrachtet man einmal die Beharrlichkeit, mit der sich die Vision einer rein technischen Zukunft - ob nun in der Form von Festplatten, auf die einst das menschliche Bewusstsein wie eine Software überspielt werden kann (Moravec), oder in Form von nichtorganischen Gehirnen, die das menschliche Bewusstsein weit hinter sich lassen (Rees) - über die Jahrzehnte hinweg hält, so darf man schon einmal die Frage stellen, was diese Phantasien [n] dann, wenn sie sich so weit über die irdische Realität erheben, eigentlich inspiriert.¹¹ Denn bloß das unbewusste Streben nach Befriedigung derjenigen Bedürfnisse, die sonst durch die religiösen Bekenntnisse mit Inhalt und Trost gefüllt werden, kann sich durchaus in ganz verschiedener Weise artikulieren.
Wenn Rees im Hinblick auf die Entstehung des Lebens auf der Erde meint: »Trotz allem, was wir über die Entwicklung des Lebens wissen, ist sein wahrer Ursprung [...] bis heute ein Rätsel, das in den Kasten mit der Aufschrift ›zu schwierig‹ verbannt wurde«, so scheint mir schon allein die Entstehung und Zähigkeit eines solchen Zukunftsbildes im »nassen« Gehirn des britschen Autors rätselhaft genung. Denn es scheint dem großen Astronomen offenbar nicht mal in Ansätzen bewusst zu sein, dass er das, was er im Blick auf die Vergangenheit als »zu schwierig« betrachtet, im Blick auf die Zukunft nicht entfernt so schwierig findet - den Übergang vom Toten zum Lebendigen, von der Maschine zum »Nachfahren«.
1 Martin Heidegger: ›Was heißt denken?‹, Tübingen 1984, S. 4.
2 siehe NZZ
3 Auf seiner Website werden als Hauptinteressen Rees' angegeben: »High energy astrophysics«, »Cosmic structure formation«, »General cosmological issues«.
4 Hans Moravec: ›Computer übernehmen die Macht‹, Hamburg 1999 (engl. Originalfassung 1998).
5 »Floating Point Operations per Second«, kurz »flops« ist eine Maßeinheit zur Bestimmung der Rechenleistung von Supercomputern. Ein Petaflop entspricht der Menge von 10¹⁵ = 10.000.000.000.000.000 Operationen pro Sekunde.
6 Ein schönes Beispiel hierfür ist der am 30. Oktober auf ›Spiegel online‹ publizierte Artikel von Christian Stöcker: ›Gott braucht keinen Lehrmeister‹ über den neuesten Rechner, der besser Go »spielen« könne als die derzeit besten Go-Spieler: »Auf neuronalen Netzen basierende Systeme [...] werden in naher Zukunft Probleme lösen, an denen die Menschheit seit Jahrhunderten scheitert. Und zwar, wenn sich das Problem ausreichend exakt beschreiben lässt, ohne unsere Hilfe. Wir werden diese Lösungen womöglich nicht mehr verstehen, auch wenn sie funktionieren.« Man braucht gar nicht so weit zu gehen. Schon der Autor selbst versteht nicht, warum und wie der Rechner funktioniert - und glaubt doch an die intellektuelle Allmacht zukünftiger Computergötter.
7 Johann Wolfgang von Goethe: ›Maximen und Reflexionen‹ in ders.: ›Werke‹, Hamburger Ausgabe, Band XII, München 1981, S. 530: »Der Mensch begreift niemals, wie anthropomorphisch er ist.«
8 Isaac Asimov: ›Meine Freunde, die Roboter‹, München 1982, S. 67:
»1. Ein Roboter darf kein menschliches Wesen (wissentlich) verletzen oder durch Untätigkeit (wissentlich) zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.
2. Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen - es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren.
3. Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.«
9 Es ist bemerkenswert, dass der britische Wissenschaftsjournalist John Horgan in seinem 1998 erschienen Buch mit dem vielsagenden Titel ›The End of Science‹ (dt. ›An den Grenzen des Wissens‹, Frankfurt a.M. 2000) nach dem Besuch eines Astrophysikerkongresses den Eindruck hatte, Zeuge einer Theologenversammlung gewesen zu sein, in der über die ersten Millisekunden nach dem Urknall debattiert wurde, ohne dass die jeweiligen Annahmen auch nur ansatzweise empirisch beweisbar gewesen wären. Im selben Buch findet sich übrigens auch ein aufschlussreiches Interview mit Hans Moravec.
10 Im letzten US-Wahlkampf wurden »social bots« [von engl. robot], also Miniaturprogramme, die Twittrer-Nachrichten aufgreifen und weiter verbreiten, als handele es sich um Menschen, die ihre Meinung kundtun, bereits zu einem maßgeblichen Faktor der gesellschaftlichen Meinungsbildung. Nach einem Rededuell zwischen den Präsidentschaftskandidaten stieg der Anteil zeitweise auf bis zu knapp 40 Prozent aller gesendeten Tweets; im deutschen Wahlkampf lag der Anteil immerhin schon zwischen 10 und 20 Prozent.
11 Vgl. dazu Rudolf Steiners Ausführungen vom Herbst 1919, etwa im Vortrag vom 27. Oktober 1919, in ders.: ›Der innere Aspekt des sozialen Rätsels - Luziferische Vergangenheit und ahrimanische Zukunft‹ (GA 193), Dornach 1989, S. 165; sowie Hans-Werner Schroeder: ›Das Jahrhundertende und die Inkarnation Ahrimans im nächsten Jahrtausend‹, in Rudolf Bind u.a. (Hrsg.): ›Ahriman - Profil einer Weltmacht‹, Stuttgart 1996, S. 11-20.
in »die Drei« 12/2017; S.5ff
Unsere Anmerkungen
a] Fellow of Trinity College
b] ein durchwegs ahrimanisch (vgl. Mbl.16) verirdischender Ansatz, der auch im Internet (vgl. Mbl-B.20) steckt
c] wie zB. bei den lebensfeindlichen Plutoniumbatterien der Voyager-Sonden
d] Dies gilt selbstverständlich auch, wenn nötige Werkstoffe vorausblickend mitgeführt werden.
e] dessen vorzeitiges Auftreten zuweilen gar absichtlich eingebaut worden ist (Obsoleszenz)
f] vgl. »TzN Sep.2004«
g] „Die beiden führenden Ansätze des maschinellen Lernens, Bottom-up und Top-down, ergänzen sich in ihren Stärken und Schwächen. Bei Bottom-up muss das System zunächst absolut nichts über Katzen wissen, braucht aber eine große Datenmenge. Das bayessche System dagegen kann aus nur wenigen Beispielen lernen und ist gut im Verallgemeinern, benötigt jedoch sehr viel Vorarbeit, bis es die richtigen Hypothesen entwerfen kann. Und bei beiden Systemarten stoßen die Entwickler auf gleichartige Hindernisse. Beide funktionieren nur bei relativ begrenzten und gut definierten Problemen, wie etwa dem Erkennen von Katzen oder Buchstaben oder dem Spielen auf dem Atari.
Unter diesen Einschränkungen leiden kleine Kinder nicht. Irgendwie, so haben Entwicklungspsychologen herausgefunden, kombinieren sie das Beste aus beiden Methoden und gehen noch weit darüber hinaus. [...]
Wir sollten an diese immer noch unverstandenen und geheimnisvollen Kräfte des menschlichen Geistes denken, wenn wir die Behauptung hören, die KI sei eine existenzielle Bedrohung. Künstliche Intellligenz und maschinelles Lernen klingen beängstigend, und in gewisser Weise sind sie es auch. Immerhin arbeitet das Militär schon an ihrem Einsatz für die Steuerung von Waffen.
Aber es gibt etwas, das weitaus gefahrenträchtiger ist als künstliche Intelligenz: natürliche Dummheit. Wir Menschen müssen uns viel geschickter als in der Vergangenheit anstellen, wenn wir mit den neuen Technologien richtig umgehen wollen.”
Alison Gopnik in »Spektrum der Wissenschaft« 4.2018; S.79
h] eigentl. Wirklichkeit (vgl. »TzN Jän.2004«: Anm.b)
i] im engl. Original männlich weich gesprochen von Douglas Rain und nicht etwa elektronisch generiert
k] HAL steht lt. Drehbuch-Coautor A.C.Clarke für "Heuristic ALgorithmic".
l] Diese usamerikanisch-britische Produktion, die gut ein Jahr vor der ersten Mondlandung in die Kinos kam, ist ua. immer noch die bedeutendste filmkünstlerische Warnung vor der Verselbständigung von Maschinen.
m] Schon im Oktober 1966 zeigte der WDR mit „Hüter des Gesetzes” (einer Folge der Fernsehserie „Raumpatrouille”) eine kritische Auseinandersetzung mit den „Robotergesetzen”.
n] Eigentl. Phantastereien, ist Phantastik ja unkontrolliert und unreflektiert abspulende Phantasie, also „Spinnerei”, wovor nichteinmal Nobelpreisträger gefeit sind.
o] Die Geisteswissenschaft betrachtet Atheismus als Krankheit.
p] Der seelische Zwangszustand der Faszination setzt spezifische Ich-Impulse je nach Faszinationsobjekt ausserkraft und richtet sich damit gegen die menschliche Freiheit.