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Merkblatt-
Beilage 43:
Der Iona-Impuls
Rudolf Steiner und die westlichen Mysterien
Renatus Derbidge
Rudolf Steiners Auseinandersetzung mit den westlichen Mysterien begann erst spät und wurde wesentlich durch seine Aufenthalte in Großbritannien 1922-24 inspiriert. Der folgende Beitrag zeichnet diese Begegnung nach und zeigt Wege auf, die sich von dort in eine zukünftige, christliche Naturwissenschaft öffnen.
Als Rudolf Steiner in London am 27. August 1924 den letzten seiner sogenannten Karma-Vorträge in England hielt, fügte er die Schilderung eines Erlebnisses ein, das er wenige Tage vorher in Tintagel, an der Atlantikküste von Cornwall, auf den Ruinen der einstigen Burg von König Artus stehend und aufs Meer blickend, gehabt hatte. Eindrücklich schildert er, wie er hineinschlüpfte in das Schauen der vorchristlichen Menschen. Diese Menschen, so Steiner, entwickelten eine Ahnung von dem kommenden Christus. Steiner schildert, wie die Ritter der Tafelrunde im Glitzern der Wellen, im Spiel von Licht und Wasser, im Dunst und in den Wolken, ins Elementarische eintauchend, ihre Impulse empfingen. Und er nennt diese Art des elementarischen Schauens eine »Naturwissenschaft der Höhergraduierten«¹. Zusammen mit anderen Aussagen, etwa von Eleanor C. Merry² und Günther Wachsmuth³, die ihn begleiteten, verdeutlicht dies, dass Steiner hier nicht nur etwas Interessantes mitteilte, sondern über ein Erlebnis sprach, das für ihn selbst von großer Bedeutung war: Er nahm Verbindung auf mit den westlichen Mysterien.⁴
1 Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge Bd. VI (GA 240), Dornach 1992, S. 293f.
2 Siehe Eleanor C. Merry: Erinnerungen an Rudolf Steiner und D.N. Dunlop, Basel 1992, im Kapitel: Mit Rudolf Steiner in Tintagel, S. 31ff.
3 Siehe Günther Wachsmuth: Die Geburt der Geisteswissenschaft. Rudolf Steiners Lebensgang von der Jahrhundertwende bis zum Tode, Dornach 1941, S. 595f.
4 Das Erlebnis auf Tintagel war nicht Steiners erster Kontakt mit den westlichen Mysterien. Es kam dort allerdings – angebahnt durch die Englandbesuche von 1922 und 1923 sowie die Begegnung mit Dunlop (1922) – zu einer Kulmination.
Rudolf Steiners Tintagel-Besuch fand während der zweiten, sogenannten »Summer School« statt, welche Daniel N. Dunlop mit Eleanor C. Merry in Torquay organisierte. In dem während der Tagung gehaltenen Vortragszyklus Das Initiaten-Bewusstsein⁵ geht es mehrfach darum, wie der moderne Mensch durch sinnliche Zuwendung zur Natur zum Geistigen gelangt – etwa am Beispiel des Kupfers. Die Begegnung mit Dunlop muss eine wichtige, schicksalhafte für Steiner gewesen sein. Liest man die bewegenden Zeugnisse dieser Begegnung, etwa der Schilderung, wie sich beide minutenlang unter dem Tisch die Hände schüttelten zur »Feier« ihres Wiedersehens, wird erahnbar, dass Steiner hier eine bedeutende, geistig eigenständige Persönlichkeit traf.⁶ Steiner äußerte größte Wertschätzung und Dankbarkeit gegenüber Dunlop und insbesondere der Summer School Initiative, die ihn bereits im Jahr zuvor (1923) nach Penmaenmawr in Wales gebracht hatte. Dort hatte er ebenfalls das druidische, westliche Mysterienwesen angetroffen und war begeistert darüber gewesen, wie präsent und stark dessen Geschichte noch an einigen Orten erlebbar war.⁷
5 Rudolf Steiner: Das Initiaten-Bewusstsein – Die wahren und die falschen Wege der geistigen Forschung (GA 243), Dornach 1993.
6 Vgl. Merry: Erinnerungen..., S. 40 sowie Thomas Meyer: D.N. Dunlop. Ein Zeit- und Lebensbild, Basel 1996, S. 153f.
7 Siehe die Beschreibung des Sommer-Kurses und der Druidensteine im Vortrag vom 30. 09. 1923 in Rudolf Steiner: Der Jahreskreislauf als Atmungsvorgang der Erde und die vier großen Festeszeiten (GA 223), Dornach 1976, S. 130 sowie seine Skizze »Druidenstein«, die sich auf dieses Erlebnis zurückführen lässt (erhältlich in der Kunstdruck-Sammelmappe GA K54.18, Dornach 2004).
Die Mysterien Hibernias
Die meisten Darstellungen Rudolf Steiners über alte Mysterienstätten beziehen sich auf Kultur-Zentren in Persien, Ägypten und Griechenland, mit denen seine geistige Individualität eng verbunden ist. Über die westlichen Mysterien sprach er nur selten. Explizit behandelte er diese »hibernischen Mysterien«⁸ lediglich in zwei bis drei Vorträgen, einigen Ergänzungen und verstreuten Bemerkungen.⁹
8 »Hibernia« (oder »Hybernia«) ist die lateinische Bezeichnung für Irland.
9 Vgl. Vorträge vom 2., 7. und 8. 12. 1923 in: Mysteriengestaltungen... (GA 232), Dornach 1998 und Vortrag vom 27. 12. 1923 in: Die Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung ... (GA 233), Dornach 1991. Daneben kurze Bemerkungen, wie etwa im Zusammenhang einer früheren Inkarnationen von Victor Hugo im Vortrag vom 25. 05. 1924 in: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge – Bd. V (GA 239). Interessant auch die 1911 nach einer Aufführung von Mendelsohns Hebriden-Ouvertüre gehaltene Ansprache Ossian und die Fingalshöhle in: Die Mission der neuen Geistesoffenbarung (GA 127), Dornach 1989.
Nach Rudolf Steiner war es ein Charakteristikum der hibernischen Mysterien, dass die Mysten den Sonnengeist des Christus bereits lange vor Christi Geburt in den Naturerlebnissen nahen spürten. Sie schauten in ihren Einweihungen, wie dieser Geist die Sonne verlässt, um auf der Erde einen neuen Wohnraum zu beziehen. Die westlichen Mysterien, so Steiner, seien Mysterien der Tiefe. Das zeige sich auch in der tiefen spirituellen Naturverbundenheit der Kelten und anderer nordischer Völker. Es ging darum, sich der Erde liebevoll zuzuwenden, sie zu pflegen. Das hatte etwas mit Heilung zu tun. Der Druidenkultus war eine Art Mysterienmedizin. Mensch und Erde wurden dabei als heilig und vereinigt erlebt. Ihre Verbundenheit mit der irdischen Natur konnten die Kelten mit dem Christlichen verbinden. So ging von den hibernischen Mysterien ein kosmisches Christentum aus, in dem Christus in den Elementen erkannt wurde. Das haben die iro-schottischen Mönche noch erlebt und gewusst. Durch den irischen Mönch Columban wurde dieses Einweihungswissen nach Iona, einer kleinen Insel ganz im Westen von Schottland, gebracht und dort weitergepflegt. Von Iona aus gingen viele Mönche nach Osten und teilten diese Botschaft des christlichen Naturverständnisses den Heiden mit.¹°
10 Man muss unterscheiden zwischen Columban von Iona (512/22 bis 597), der u.a. auf Iona ein Kloster gründete und auch nach Osten hin missionarisch tätig war, und Columban dem Jüngeren (540 bis 615), der mit anderen von Irland aus die Landbevölkerung nördlich der Alpen christianisierte. Die Städte waren schon von Rom aus christianisiert, jedoch nicht die zahlenmäßig viel größere Landbevölkerung. Im Gegensatz zur römischen Kirche gelang dem irisch-schottischen Christentum der Zugang zu diesen Menschen. Nach Peter R. Müller (Columbans Revolution, Schwarzenfeld 2013) war dieses Christentum im Gegensatz zum römischen Kirchenmodell deutlich weniger hierarchisch und legte großen Wert auf persönliche Beziehungen. Columban hatte durch Klostergründungen und Ordensregeln einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung Mitteleuropas, dessen Kulturlandschaft von diesen Klöstern aus gestaltet wurde.
In Rudolf Steiners erstem Mysteriendrama Die Pforte der Einweihung wird im 7. Bild das Erinnerungsbild solch einer Christianisierung geschildert. Das waren keine blutigen Aktionen, wie sie heute oft in den Geschichtsbüchern geschildert werden. Steiner stellt vielmehr dar, wie von den hibernischen Christen ein inneres Licht ausstrahlte und gleichsam einen Sog bildete auf Menschen, welche von diesem Geist hören wollten.¹¹ Sie nahmen diese Mitteilungen in ihre Herzen auf. Erst später kamen die Römer (mit dem Christentum als Staatsreligion [a]), welche der Bevölkerung ein dogmatisches und vergleichsweise »physischeres«, an Leib und Blut Christi fixiertes Christentum aufzwangen.¹²
11 Vgl. Rudolf Steiner: Vier Mysteriendramen (GA 14), Dornach 1956, S. 100. Das christianisierte Volk wird dabei als eines dargestellt, das die Gottheiten Odin und Baldur verehrte. Baldur ist mit dem Heilkultus der Mistel verbunden, der durch Steiner und Ita Wegman in moderner Form als Misteltherapie wiederbelebt wurde.
12 Man denke an die blutigen Sachsenkriege oder das Fällen der »Donareiche« durch den römischen Missionar Bonifazius. Vgl. Lutz E. von Padberg: Die Christianisierung Europas im Mittelalter, Stuttgart 2009.

Iona Abbey © 2015 by Jenny Ross
Im Innern von Iona Abbey
Steht man auf Iona, etwa an den Ruinen der Abtei mit Blick nach Osten, dann schaut man über das Meer auf die nahe Insel Mull. Rosafarbene Granit-Felsen leuchten einem entgegen, den ganzen Tag lang die Stimmung eines Sonnenaufganges verbreitend. Sonnenaufgang: Das bedeutet auch Knospe, Wachstum - Zukunft. Laut Rudolf Steiner sind die hibernischen Mysterien vergleichsweise schwer zu erforschen, vor dem okkulten Blick geschützt¹³ - und damit auch vor Missbrauch. Die Geheimnisse dieser Mysterien harren also noch der Entdeckung. Man kann den Eindruck bekommen, dass es Rudolf Steiner zunächst schwerfiel, einen Zugang zu Hibernia zu bekommen, so wie ihm alles »Westliche« [b] zwar nicht unbekannt war, aber seinem eigenen Wesen nach eher fremd.¹⁴ Es scheint, dass sich Rudolf Steiners Zugang zum Westen erst gegen Ende seines Lebens verstärkte und eng mit der Persönlichkeit Dunlops verknüpft war. Für 1925 plante er, mit seinem hoch geschätzten Übersetzer George Adams und eventuell mit Dunlop, eine Reise nach Nordamerika, der Westen rückte in den Fokus.¹⁵ Leider ist es zu dieser Reise – und dem, was sich daraus möglicherweise für die Anthroposophie ergeben hätte – wegen Steiners vorzeitigem Tod nicht mehr gekommen. Dunlop organisierte 1927 noch eine Sommer-Tagung in Gareloch im Westen Schottlands, an der Ita Wegman und Elisabeth Vreede vom Vorstand aus Dornach teilnahmen, und die mit einem Besuch der Insel Iona und der Vulkaninsel Staffa [c] endete. Ita Wegman schildert den Besuch auf Iona eindrücklich in ihren Briefen an die Mitglieder.¹⁶ Sie war es auch, die 1923 in Penmaenmawr an Steiner die wichtigen Worte richtete über die Erneuerung der Medizin als Mysterienmedizin. Diese Frage ist Ursprung der anthroposophischen Medizin sowie einer Reihe bedeutender Vorträge Rudolf Steiners geworden. Dunlop starb 1933 relativ jung und plötzlich. Seitdem liegt der Impuls, die Anthroposophie mit den westlichen Mysterien zu verbinden, ja, möglicherweise durch sie zu ergänzen, brach.¹⁷ Man kann vermuten, dass dieser schicksalhafte Mangel bis ins Karma und das äußere Geschehen in der Anthroposophischen Gesellschaftseit Steiners Tod mit hineinspielt.
13 Vgl. Vortrag vom 7. 12. 1923 in Steiner: Mysteriengestaltungen..., S. 103f.
14 Von einer »westlichen« Inkarnation Rudolf Steiners ist nichts bekannt. Man denke in diesem Zusammenhang an Mein Lebensgang (GA 28), Dornach 2000, Kapitel 22, S. 316, wo Steiner beschreibt, dass er erst im 36. Lebensjahr für die Sinneswelt »wach« wurde. Das Geistige war für ihn seit seiner Kindheit Realität, während er sich das Sinnliche erst nach und nach erobern musste und auch erst nach und nach, immer zunehmend, und ganz deutlich erst ab 1923, als eigenständigen Zugang zum Geistigen anerkannte. So wird z.B. im »Schmetterlingskursus« – Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes (GA 230), Dornach 1993 – zum Programm, das Übersinnliche im Sinnlichen erlebbar zu machen. Siehe auch Fn. 23.
15 Vgl. Peter Selg: Elisabeth Vreede – 1879-1943, Dornach 2009, S. 314f. (Anm. 220). Ob Dunlop mitgereist wäre, ist nur eine Vermutung aufgrund der Tatsache, dass Dunlop mit Amerika sehr verbunden war, einige Zeit dort gelebt hatte und aus beruflichen Gründen, teils mehrmals im Jahr, nach Amerika reiste. 16 Ita Wegman: Esoteric Studies. The Michael Impulse, Forest Row 1993, S. 99-108.
17 Die vierte »Summer School« in Bangor im Herbst 1933, von Ita Wegman mitorganisiert, aber vom Vorstand in Dornach (außer Elisabeth Vreede, die sich neutral verhielt) nicht unterstützt, zähle ich nicht mehr dazu. Der Charakter der ganzen Tagung war in Hinblick auf die Situation im Dornacher Vorstand (drohender Ausschlussvon Wegman und anderen, insb. englischen Freunden) und die politische Weltlage in Vorbereitung und Durchführung eine ganz andere geworden.

Blick von Iona nach Norden © 2015 by Jenny Ross
Blick von Iona nach Norden zu der Vulkaninsel Bac Mòr
Kurz vor der Weihnachtstagung von 1923/24 sprach Steiner über Hibernia. Im dritten, das Thema abschließenden Vortrag finden sich aphoristische, teilweise schwierig zu verstehende, aber mit weitem Blick in die Zukunft gesprochene Bemerkungen.¹⁸ Von Hibernia sei ein Strom in die gesamte Zivilisation Europas ausgegangen. Das habe mit den iro-schottischen Mönchen zu tun, welche von Irland, Schottland und eben auch von Iona aus das (kosmische) Christentum zu den Völkern Europas brachten. Dieser Strom, so beschreibt Steiner, sei später verschollen, wirke heute nur noch im verborgenen Untergrund und sei bisher nicht Kulturgut geworden. Hin und wieder habe es aber ein Auftauchen dieses Impulses gegeben, etwa in Valentin Andreaes Die chymische Hochzeit des Christian Rosenkreuz [d] – und, das deutet er nur an, auch in Goethe bzw. in der goetheschen Naturwissenschaft. Die Iona-Strömung einer christlichen Naturwissenschaft wurde für die Gegenwart durch Goethe neu geboren.¹⁹
18 Vgl. Vortrag vom 8. 12. 1923 in Steiner: Mysteriengestaltungen..., S. 116ff.
19 Vgl. hierzu auch den bewegenden Vortrag Goetheanismus als Erwartungsstimmung in ders.: Der Goetheanismus, ein Umwandlungsimpuls und Auferstehungsgedanke (GA 188), Dornach 1982, S. 123ff.
Heute ist die europäische Kultur vom Christentum Roms geprägt. Es ist früh (388 n. Chr.) zur Staatsreligion geworden und wurde dadurch von Machtinteressen korrumpiert.²° Der am Leib und Blut Jesu, an den irdischen Komponenten des Christusmysteriums haftende Impuls ist bis in unser Denken und unseren Alltag, unsere Gesinnung und unsere Art, alles verobjektivierend anzusehen, überall manifest. Man könnte sogar so weit gehen, auch die materialistische Naturwissenschaft als ein Resultat dieser Art des Christentums anzusehen, die sich gänzlich der Physis, der Materie, dem, was man tasten, messen, wägen kann, verschrieben hat. Auf der anderen Seite geht aber gerade diese christliche Auffassung mit einer Verteufelung des Irdischen, des Fleisches, und damit einer Erniedrigung des Sinnlichen einher. Der Weg einer liebevollen Zuwendung zum Sinnlichen wurde verbaut, ja unmöglich gemacht. Aus dieser Perspektive betrachtet rottete die Inquisition, gleichsam als letzte Welle das römische Christentum gegen andere Auffassungen durchzusetzen, die letzte Naturliebe und Naturspiritualität aus und war damit Wegbereiter für die heutige Wissenschaft.
20 Die Bedeutung z.B. der Konzilien von Nicäa 325 und Konstantinopel 869 sind u.a. beschrieben in ders.: Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken Bd. V. – Apokalypse und Priesterwirken (GA 346), Dornach 1995, S. 102ff sowie in den Vorträgen vom 19. 07. 1904 und 25. 10. 1904 in ders.: Über Philosophie, Geschichte und Literatur (GA 51), Dornach 1983.
Verbindung zum Goetheanismus
So zeigt sich ein Zusammenhang zwischen Goethe und dem Impuls der westlichen Mysterien. Denn Goethe pflegte einen liebevollen Blick auf die Natur mit dem Ziel, auf das Wesenhafte zu schauen. Er schlüpfte förmlich in die Erscheinungen und ihre inneren Bildungsgesetze, um die Welt »sinnlich-sittlich«, aus der menschlichen Erlebnisfähigkeit heraus, zu erschließen. Seine Geste gegenüber dem Sinnlichen ist eine umarmende. Goethes Mission, so könnte man sagen, war das »seelische Beobachten« im Sinne einer phänomenologischen, den Betrachter mit einbeziehenden Welterkenntnis. Welterkenntnis ist Selbsterkenntnis, so könnte man dieses Credo beschreiben. Goethe schuf eine Alternative zur materialistischen Wissenschaft, eine, welche dem Leben gerecht wird; eine wissenschaftliche Methode, in der man nicht tötet, sondern Mitschaffender wird.

Keltenkreuz © 2015 by Jenny Ross
Keltenkreuz vor Iona Abbey
Rudolf Steiner sah in Goethes Art der Naturbetrachtung nicht bloß eine besondere wissenschaftliche Methode, sondern einen grundlegenden, modernen Modus der Weltzuwendung, den er zur Anthroposophie weiterentwickelte. Im Kapitel »Ausblicke« in Vom Menschenrätsel (GA 20) von 1916 beschreibt Steiner ausführlich und klar, dass der Goetheanismus und die Anthroposophie zusammengehören, sich decken. Beide üben und kultivieren ein schauendes Verhältnis zur Welt, in dem das Übersinnliche in der sinnlichen Welt aufgesucht und mitgeschaut wird. In diesem Sinne existiert kein »Hinter-den-Dingen«. Der Geist ist die Welt, Wesen sind die Erscheinungen und wir sind diejenigen, die sie mit erscheinen lassen. Ohne uns ist die Welt, ob physisch oder geistig, tot und abstrakt. Die höheren Erkenntnisstufen der Imagination, Inspiration und Intuition [e] sind lediglich Stufen unterschiedlicher Gewichtung der Aspekte, die im Mensch und Welt umfassenden Erkennen unterschieden werden können. Ein Phänomen kann mehr äußerlich angeschaut und erlebt werden (Sinneswahrnehmung und Imagination), oder man kann mehr innerlich in ihm aufgehen (Inspiration und Intuition). Rudolf Steiner beschreibt z.B., wie man den Lichtbringer Luzifer [f] geistig-wesenhaft in rosa angestrahlten Abendwolken erleben kann.²¹ Die Tiefe, zu der Naturbetrachtung hier vordringt, ist bereits in Goethes phänomenologischer Sicht veranlagt. In der Imagination verdichtet sich diese Sicht zu einem starken Gefühl, das sich in Bildern ausdrücken lässt. In der Inspiration »erklingt« der Anblick wie in innerer Resonanz. Man erlebt sich eng verwoben, als Teil des Phänomens. Die Intuition lässt den Blick als Sein erleben, die Grenze zwischen dem Betrachter und dem Phänomen ist verschwunden. In der Vertiefung in die sinnliche Erscheinung der leuchtenden Wolken wird das Wesen Luzifer zu einer bestimmten Weise des Seins, von dem ich ein Teil bin, das ich mit zur Erscheinung bringe und das ich als dieses Wesen erkennen kann. Natur wird zum Tor zur Geistwelt. Der offene Blick des Goetheanismus ist also der Ausgangspunkt, der sich sinnlich-übersinnlich den Phänomenen hingibt, Anthroposophie das Ziel, die bewusste Aneignung dieses in die Tiefe dringenden Blicks als eine »Wissenschaft der Höhergraduierten«.
21 Siehe Vortrag vom 24. 11. 1923 in ders.: Mysteriengestaltungen..., S. 24ff.
In der Biographie und Lehre Rudolf Steiners gewinnt die Sinneswelt als eigenständiger und vollgültiger Geistzugang im Lauf der Zeit immer größere Bedeutung.²² Er bezeichnete die Anthroposophie einmal im Kontext des Goetheanismus als »Christentum der Zukunft« und »christliche Naturwissenschaft«.²³ Ist vielleicht die goethesche Naturbetrachtung, im tieferen Sinne der Iona-Impuls einer christlichen Naturwissenschaft, die Liebe zum Sinnlichen als Tor zum Geistigen womöglich das noch zu Verwirklichende, das in der Anthroposophie angelegt ist?
22 Hierzu liegt eine detaillierte Studie vom Autor zur Veröffentlichung bereit, die als Manuskript eingefordert werden kann. Ab 1923 wird die Natur von Steiner explizit und ausschließlich als Realimagination und Tor zu allen, auch den höchsten Bereichen der Geistwelt dargestellt. Siehe hierzu auch Malte Diekmann: Der Weg der Initiation. Anthroposophie und die neuen Mysterien, Sammatz 2010.
23 Siehe den schon in Fn. 18 erwähnten Vortrag Goetheanismus als Erwartungsstimmung in Rudolf Steiner: Der Goetheanismus, ein Umwandlungsimpuls... sowie den VI. Vortrag in ders.: Die Sendung Michaels (GA 194), Dornach 1994, S. 102ff.
Auf Iona ist dieser Impuls zugänglich.[g] Noch heute raunen einem die Elemente davon etwas zu, es wartet, es ist ganz nah unter der Oberfläche des Alltagserlebens. Eine Art »ätherische Archäologie«, die nur einen minimalen »Spatenstich« braucht, eröffnet einem diese christliche Weltzuwendung als sinnlichkeitsliebende Spiritualität. Viele Besucher, nicht nur Anthroposophen, die jährlich zu dieser einzigartigen Insel am Rande des Atlantik strömen, sind tief berührt. Die meisten können es nicht deuten und belassen es dabei, kommen aber immer wieder. Andere wie Ita Wegman, Eleanor C. Merry oder Walter Weber haben es genauer gefasst.²⁴ Auf Iona sind die Elemente so präsent und durchchristet, dass sie heute noch von der Geschichte als lebendigem Strom, vom Iona-Impuls, raunen. Das ist erlebbar, nicht nur für Hellseher.
24 Vgl. Merry: Erinnerungen...; Ita Wegman: Esoteric Studies...; Walter Weber: Der Druide von Aiona. Eine Hybernische Einweihung, Privatdruck, Basel 1975 (als eingescannte PDF beim Autor erhältlich).
in »die Drei« 12/2015; S.11-18
Unsere Anmerkungen
a] beginnend mit dem theodosianischen Edikt Cunctos populos vom Jahr 380
b] insbesondere das Französische
c] Jakob Streit meinte, die Zürichsee-Orte Jona und Stäfa seien nach diesen Inseln benannt worden.
d] «Die chymische Hochzeit» war eines der vier Rosenkreutzer-Bücher, die kurz vor dem Dreissigjährigen Krieg (1618-1648) als Druck verbreitet worden sind, um der Christenmenschheit friedensstiftende Impulse zu vermitteln.
e] vgl. die MblB. 33a, 33b und 33c
f] vgl. Mbl.16
g] vgl. zB.
MACLEOD, F.: «Iona» oder
GSÄNGER, H.: «Irland - Insel des Abel Bd.2» oder
STREIT, J.: «Sonne und Kreuz» oder
BRANDT-FÖRSTER, B.: «Das irische Hochkreuz» oder
KRUSE, D.: „Die Westlichen Mysterien als Anreger neuer Wege in der Anthroposophie”;
Aufsatz vom Dez.2015 (im Archiv DMGG)