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Merkblatt-
Beilage 37:
Organtransplantation:
Wissen wir, was wir tun?
Angelika Sandtmann
Haben Sie schon ein Anschreiben von Ihrer Krankenkasse erhalten, in dem Sie darum gebeten werden, möglichst schriftlich ihre Entscheidung für oder gegen eine Organ-/Gewebespende zu bekunden? Seit dem 1. November 2012 ist die Änderung des Transplantationsgesetzes in Kraft getreten, mit der vom Deutschen Bundestag die sogenannte Entscheidungslösung beschlossen wurde: Alle Bundesbürger ab 16 Jahren sollen in regelmäßigen Abständen von den Krankenkassen befragt werden, ob sie »nach ihrem Tod« Organ- und/oder Gewebespender werden möchten oder nicht.¹ Falls Sie der Bitte nicht nachkommen und keine schriftliche Erklärung abgeben, gilt so wie bisher die erweiterte Zustimmungslösung (der Spender oder dessen Angehörige müssen einer Organspende zustimmen). Zwar sollen die Krankenkassen in diesem Anschreiben umfassend und ergebnisoffen aufklären, doch es kann damit gerechnet werden, dass die Briefe eher im Sinne einer Werbung pro Organspende abgefasst sind. Denn der Zweck des neuen Gesetzes ist eindeutig: Die Zahl der Organspender soll erhöht werden. Bekanntlich beklagt die moderne Transplantationsmedizin einen zu hohen »Organmangel«, der sich durch die jüngsten Skandale um Manipulationen bei der Organvergabe sicherlich noch erhöhen wird. Im vergangenen Jahr war die Spendenbereitschaft bereits rückläufig; 2011 wurden in Deutschland ca. 4.000 Organe, die von 1.300 Spendern stammten, transplantiert, während 12.000 Menschen auf ein Organ warteten.
1 Hilfreiche Hinweise, was im Umgang mit der Entscheidungslösung zu beachten ist, gibt die Initiative KAO, Kritische Aufklärung über Organtransplantation e.V.
In anderen Ländern versucht man dem Mangel an Organen durch weiter gefasste Gesetze beizukommen. Wer beispielsweise in Österreich, Italien oder Spanien nach einem Unfall oder einer schweren Erkrankung während der Behandlung auf der Intensivstation den Hirntod erleidet,[a] dessen Organe können entnommen werden. Das ist kein Science-fiction-Schreckensszenario, sondern legale gesellschaftliche Realität dort, wo hinsichtlich Organspenden die Widerspruchslösung Gültigkeit hat. Jeder Mensch gilt als potenzieller Organspender, der nicht aktiv dagegen widersprochen hat,[b] auch wenn er anderer Staatsangehörigkeit ist und sich nur vorübergehend in dem Land aufhält. Organspende und Organtransplantation sind also längst keine Randthemen mehr, denen wir vielleicht gerne auszuweichen versuchen, sondern es ist dringend geboten, dass wir uns wach damit auseinandersetzen, sonst überrollt uns das medizinisch Machbare und es geschehen Dinge, die wir überhaupt nicht durchdacht haben und womöglich entschieden ablehnen, wenn wir darüber mehr gewusst hätten.
Medizinische Hintergründe
Die Möglichkeit, ein schwer erkranktes Organ, das seine Funktion einzustellen droht und damit den betroffenen Menschen zum Todeskandidaten macht, durch das Organ eines anderen Menschen zu ersetzen, ist erst durch große Errungenschaften auf dem Gebiet der Gefäßchirurgie und Intensivmedizin geschaffen worden. Als Meilenstein der Transplantationsmedizin gilt die erste erfolgreiche Herztransplantation unter Menschen durch Dr. Christiaan Barnard am 3. Dezember 1967. Doch lange Zeit kämpften die Ärzte mit den natürlichen Abstoßungsreaktionen des Empfängerorganismus gegen das fremde Organ. Die Pharmazie hat erst im Laufe der 80er Jahre Immunsuppressiva entwickelt, die das körpereigene Immunsystem so stark unterdrücken, dass es nicht mehr gegen das fremde Organ rebelliert. Allerdings müssen Organempfänger solche immunausschaltenden und weitere Medikamente gegen die Nebenwirkungen ein Leben lang einnehmen. Seit dieser Zeit hat sich die Transplantationsmedizin zur medizinischen Routine entwickelt.
Das Problem: Unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Organtransplantation ist die Spende eines noch lebenden Organs eines anderen Menschen, welches das schwer erkrankte Organ ersetzen soll.[c] Sicherlich, es gibt bei Nieren, Teilen der Leber und Teilen der Lunge Lebendspenden: Ein lebendiger Mensch spendet einem ihm sehr nahestehenden Menschen eine seiner beiden gesunden Nieren, so dass beide Menschen bei erfolgreicher Transplantation weiterleben können. Aber wie soll das beim Herzen möglich sein? Der Spender ist nach der Organentnahme unweigerlich tot, musste aber während der Entnahme noch ein lebendes Herz haben. Denn wenn ein Mensch biologisch tot ist, haben in seinem Körper sämtliche Lebensprozesse aufgehört – am Leichnam setzen die Verwesungsprozesse ein. Die meisten Menschen sterben durch einen Herztod, wodurch auch ihre Organe nicht mehr für eine Transplantation in Frage kommen. Erst die Intensivmedizin hat einen Zwischenzustand geschaffen, der alle Beteiligten dazu herausfordert, neu über den Todeszeitpunkt nachzudenken.
Vor dem Hintergrund der Belange der Transplantationsmedizin hat die Harvard Medical School [d] 1968 dann den Tod des Menschen neu als Hirntod definiert: Tot ist ein Mensch, wenn sein Gehirn irreversibel tot ist, d.h. keine Hirnaktivität mehr vorhanden ist (Null-Linie). Wie schwierig allerdings allein die Kriterien für den Hirntod sind, belegt die Tatsache, dass weltweit 33 verschiedene Definitionen des Hirntods existieren. Rechtlich bindend sind in Deutschland die Richtlinien der Bundesärztekammer, an die sich alle Ärzte bei der Hirntoddiagnostik halten müssen. Wenn bei einem Menschen auf der Intensivstation der Hirntod festgestellt wird und damit der Mensch juristisch tot ist, werden sämtliche Geräte abgeschaltet. Normalerweise – Ausnahmen werden weiter unten noch beschrieben – folgen dann kurz darauf der Herztod und der biologische Tod. Wenn jedoch Organe entnommen werden sollen, werden die lebenserhaltenden Maßnahmen bis zur Entnahme fortgesetzt; so entsteht der paradoxe Zustand des tot und lebendig zugleich![e]
Organspender
Wer sich von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung einen Organspendeausweis besorgt hat, könnte meinen, die Organentnahme sei ein Eingriff am toten Leichnam: »Für den Fall, dass nach meinem Tod eine Spende von Organen/Geweben zur Transplantation in Frage kommt, erkläre ich …« (Hervorhebungen im Original), so ist auf dem Ausweis zu lesen. Wer sich nicht mit der Hirntoddefinition auseinandergesetzt hat, wird hier in die Irre geführt. Kritiker werden zu Recht nicht müde, auf die große Problematik dieser Todesdefinition hinzuweisen. Selbst der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages hat gerade eine kritische Betrachtung des Hirntodkonzeptes veröffentlicht.²
2 siehe dort
Hirntote Menschen zeigen mannigfaltige Lebensreaktionen wie Schwitzen, Verdauen, Wachsen (bei Kindern und Jugendlichen), sogar Schwangerschaften konnten von hirntoten Frauen über Monate ausgetragen werden – so ist auch das »Filderklinik-Baby«, ein gesundes Neugeborenes, in Stuttgart zur Welt gekommen.[f] Naheliegender ist es daher, den sogenannten Hirntoten als einen sterbenden, aber noch nicht gestorbenen Menschen zu beschreiben. Sterben ist ein Prozess, der zum Zeitpunkt des Hirntodes auf keinen Fall abgeschlossen ist. Durch eine Organentnahme wird in diesen Sterbeprozess drastisch eingegriffen. Transplantationsmediziner beschwichtigen, dass nur die Apparate auf der Intensivstation die Lebensprozesse vorübergehend aufrechterhalten und bei Abschalten z.B. der Beatmungsmaschine nach wenigen Minuten unweigerlich der Herztod eintreten werde. Doch eine amerikanische Studie hat aufgedeckt,³ dass von 12.000 Hirntoten nach Abschalten der Beatmungsgeräte immerhin 175 Menschen mindestens eine Woche bis zu 14 Jahre weitergelebt [g] haben!
3 Alan Shewmon: Chronic ›brain death‹, in: Neurology, 51 (1998) 6, S. 1538-1545.
Was wird dem potenziellen Organspender und seinen nahen Angehörigen also zugemutet, wenn in hirntotem Zustand Organe entnommen werden sollen? Über 90 Prozent der Explantationen in Deutschland erfolgen aufgrund der Zustimmung durch die Angehörigen (erweiterte Zustimmungslösung), d.h. die Angehörigen müssen die Bürde der Verantwortung für diese Entscheidung auf sich nehmen, müssen sich dann von einem lebenden Toten mit rosiger Hautfarbe verabschieden, um ihn gegebenenfalls nach der Entnahmeoperation als versehrten Leichnam ein letztes Mal zu sehen. Während die Angehörigen gerade noch die Nachricht vom Tod ihres nahen Verwandten verarbeiten müssen, werden sie mit der Frage um die Einwilligung zur Organspende konfrontiert.[h] Diese wird treffend als die unglücklichste Frage zum ungünstigsten Zeitpunkt an die unglücklichste Familie bezeichnet. Welche dauerhaften seelischen Belastungen, Zweifel und Schuldgefühle aus dieser Entscheidungssituation bei den Hinterbliebenen entstehen können und damit die Beziehung zum Verstorbenen nachhaltig stören, hat Vera Kalitzkus eindrücklich beschrieben.⁴
4 Vera Kalitzkus: Dein Tod, mein Leben. Warum wir Organspenden richtig finden und trotzdem davor zurückschrecken, Frankfurt a.M. 2009, S. 67 ff.
Die Organentnahme erfolgt in der Regel ohne Narkose, da bei einem hirntoten Menschen keine Schmerzempfindung möglich sei, so die gängige medizinische Auffassung. Was ist aber, wenn starke Pulsausschläge während der Operation doch nicht bloße vegetative Reflexe sind und der Organspender Schmerzen empfindet? Alexandra Manzei hat über zehn Jahre an einer Uniklinik hirntote Menschen gepflegt und auf die Organtransplantation vorbereitet. In ihrer Dissertation Hirntod – Herztod – ganz tot? hat sie diese Erfahrungen festgehalten: Hirntote reagieren auf Kältereize und Geräusche und empfinden unter Umständen Schmerzen.⁵
5 Alexandra Manzei: Hirntod – Herztod – ganz tot? Frankfurt a.M. 1997.
Den möglichen Schmerzen kann vorsorglich durch eine Vollnarkose begegnet werden,⁶ noch grundlegendere Fragen lassen sich aber nur schwer beantworten. Wir wissen nicht, welche Auswirkungen es für den Organspender im Todesmoment und danach haben kann, wenn ihm wesentliche Organe fehlen und diese in anderen Menschen weiterleben.⁷
6 Anthroposophische Kliniken, an denen auch Organentnahmen vorgenommen werden, plädieren für eine Narkose. In der Schweiz ist, anders als in Deutschland, die Vollnarkose für hirntote Patienten vor der Organentnahme vorgeschrieben. Vgl. Peter Krause: Organentnahmen in anthroposophischen Kliniken, in: Flensburger Hefte 115: Organspende. Ja und Nein. 1/2012, S. 48 ff.
7 Auf spirituelle Hintergründe gehen die Flensburger Hefte 116 ein: Vom Wesen der Organe. Spirituelle Hintergründe der Organtransplantation. II/2012. Über den Zusammenhang unserer Organe mit den Planetensphären vgl. Rudolf Steiner: Eine okkulte Physiologie (GA 128), Dornach 1991. Ders.: Geistige Zusammenhänge in der Gestaltung des menschlichen Organismus (GA 218), Dornach 1992. Ders.: Das Verhältnis der Sternenwelt zum Menschen und des Menschen zur Sternenwelt (GA 219), Dornach 1994.
Organempfänger
Auch wenn für viele Empfänger der Erhalt eines neuen Organs zweifellos ein großer Lebensgewinn ist, der nicht nur ihr Leben verlängert, sondern sie von quälenden Beschränkungen befreit, gestaltet sich das Leben nach der Transplantation nicht so leicht und unbeschwert, wie es in der Werbung für die Organspende oft dargestellt wird. Das neu geschenkte Leben ist nach wie vor eines, das unter dem Zeichen der Krankheit steht. Denn je nach Ausgangssituation bleibt die Grundkrankheit, die den Empfänger an den Rand des Todes gebracht hat, bestehen. Wenn beispielsweise ein junger Mensch mit Mukoviszidose mit 20 Jahren eine neue Lunge empfängt, die ihm zum ersten Mal ein freies Atmen ermöglicht, ist er nicht von seiner Grunderkrankung befreit. Zudem müssen, wie oben bereits gesagt, lebenslang starke Medikamente gegen die Immunabwehr des fremden Organs eingenommen werden. Außerdem treten vor allem bei Herztransplantationen oft nach fünf bis sieben Jahren schwere Folgeerkrankungen, z.B. bösartige Lymphtumore oder völliger Arterienverschluss, auf.
Leider fehlen bis heute systematische Untersuchungen über die seelischen Folgen einer Transplantation für die Organempfänger. Vor allem bei Herz- und Lebertransplantationen sind immer wieder Fälle bekannt geworden, dass Empfänger mit großen seelischen Problemen bis hin zu tiefen Persönlichkeitsstörungen zu kämpfen hatten, die psychiatrisch behandelt werden mussten. Die Amerikanerin Claire Sylvia, die sich wegen einer lebensbedrohlichen Lungenschwäche 1988 einer Herz-Lungen-Transplantation unterzogen hatte, gründete eine Selbsthilfegruppe für Transplantierte. Sie beschreibt in ihrem Buch Herzensfremd die widerstreitenden Kräfte im Inneren vieler Organempfänger, die von der ekstatischen Euphorie bis zu abgrundtiefen Schrecken reichen. Einer ihrer Teilnehmer aus der Selbsthilfegruppe fragt sich gar, ob die Transplantation wirklich das richtige war.⁸ Vieles wird von den behandelnden Ärzten lediglich auf die Nebenwirkungen der starken Medikamente geschoben. Wenn man dagegen die individuelle Prägung jedes Organs ernstnimmt, ist es weniger verwunderlich, dass Empfänger nicht nur mit der körperlichen Abstoßung, sondern auch mit seelischen Zerreißproben zu kämpfen haben – mit der Transplantation eines menschlichen Organs empfange ich eben nicht nur ein Ersatzteil, sondern ein von einem Menschen individuell gestaltetes Organ. Beachtenswert ist, dass Kinder durchaus in der Lage sind, nach einer gewissen Zeit auf Immunsuppressiva verzichten zu können, da sie wohl noch die Fähigkeit besitzen, das fremde Organ zu ihrem eigenen umzuprägen.
8 Claire Sylvia: Herzensfremd. Wie ein Spenderherz mein Leben veränderte, Hamburg 1998, S. 167. Originaltitel: A Change of Heart, Boston/New York/Toronto/London 1997.
Körpergedächtnis
Das Transplantationsgesetz schreibt zwingend vor, dass Organspenden von hirntoten Patienten anonym zu erfolgen haben, um die Beteiligten nicht zu belasten. Im Widerspruch dazu stehen die Schilderungen von Organempfängern, die eine große Sehnsucht entwickelten, von ihrem Spender mehr zu erfahren und seinen Angehörigen ihre tiefe Dankbarkeit auszudrücken. Dieser Wunsch wird besonders groß, wenn sie durch die Transplantation nicht nur körperliche Veränderungen, sondern unerklärliche Persönlichkeitsverwandlungen an sich bemerken: ungewöhnliche Träume, Déjà-vu-Erlebnisse, Änderungen ihrer Gewohnheiten, vor allem der Geschmacksvorlieben. Claire Sylvia hat viele dieser Erfahrungen durchgemacht, die sie als abenteuerliche Entdeckungsfahrt, auch als eine Reise ins eigene Ich beschrieben hat. Sie träumte intensiv von ihrem Organspender, hatte viele seiner Vorlieben sowie seine Rastlosigkeit angenommen und machte sich auf den Weg, mehr über ihn zu erfahren und seine Verwandten aufzusuchen: Bis zu diesem Traum »hatte ich mein Herz und meine Lunge für etwas gehalten, das von einem anonymen Unbekannten stammte, einem fremden jungen Mann, über den ich nicht viel nachgedacht hatte. Aber nach diesem Traum hatte sich irgendetwas geändert. Ich wachte auf und wusste – es war ein wirkliches Wissen –, dass Tim L. mein Organspender war und dass jetzt etwas von seinem Geist und seiner Persönlichkeit in mir wohnte.«.⁹ Auch die herztransplantierte französische Schauspielerin Charlotte Valandrey spürte in ihren wiederkehrenden Albträumen die Anwesenheit eines anderen Menschen in ihr, wie sie in ihrem aktuellen Bestseller Mein fremdes Herz schildert: »Und immer diese bedrückenden Träume, die eine andere, die nicht ich ist, heimsuchen und die mich in die Geheimnisse des Zellgedächtnisses einweihen. Wer ist da so präsent in mir, dass ich es spüre? Und wieso?«.¹° Valandrey kommt erst zur Ruhe, als sie intensiv nach ihrem Spender sucht.
9 Claire Sylvia: a.a.O., S. 16.
10 Charlotte Valandrey: Mein fremdes Herz, München 2012, S. 15. Originaltitel: De cœur inconnu, Paris 2011.
Diese Erfahrungen werden vom schulmedizinischen Mainstream lediglich als heftige Reaktion der Psyche auf die Transplantation betrachtet. Doch es werden auch andere Stimmen laut, die darin ein körperliches Erinnerungsvermögen, z.B. ein Zellgedächtnis, erblicken und damit die hirnzentrierte Auffassung vom Menschen über Bord werfen. Biochemische Untersuchungen konnten beispielsweise das Vorkommen von Neuropeptiden (Botenstoffe von Nervenzellen) inzwischen im ganzen Körper – mit großer Konzentration in den Herzzellen – und nicht, wie bisher angenommen, nur im Gehirn nachweisen.¹¹ Für Valandrey als direkt Betroffene ist evident: »Meine Intuition sagt mir, dass der Körper ein Erinnerungsvermögen hat.«¹² Rudolf Steiners Hinweise, dass nicht das Gehirn, sondern die Oberfläche der Organe für unser Gedächtnis verantwortlich ist,¹³ werden vor diesem Erfahrungshintergrund auf mehr Gehör treffen.
11 Vgl. Charlotte Valandrey, a.a.O., S. 146f; Claire Sylvia, a.a.O., S. 264ff.
12 Charlotte Valandrey, a.a.O., S.147.
13 Vgl. Rudolf Steiner: Spirituelle Erkenntnis der Organe und deren Herüberwirken in das nächste Erdenleben, Vortrag vom 2.7.1921, in: GA 205, Dornach 1987.
Unauflösbare Widersprüche
Der Transplantationsmedizin sind fundamentale Widersprüche eigen, nicht nur zwischen der Herbeiführung des Todes auf der einen und der Lebensrettung auf der anderen Seite, sondern auch zwischen der bewusst anonymen und gleichzeitig real doch sehr schicksalsverbindenden Beziehung zwischen Spender und Empfänger.[i] Gerade diese Widersprüchlichkeit macht den Umgang so schwer. Die geschilderten Erfahrungen einiger Organempfänger weisen in die Richtung, dass die eingegangene Schicksalsverbindung bei entsprechender Sensitivität zur Bewusstwerdung drängt. Mehr Licht in das gesamte Transplantationsgeschehen zu bringen und bekannt zu machen, ist dringend geboten. Wie ich mich auf dieser Basis zu einer Entscheidung für oder gegen das Spenden bzw. Erhalten von Organen durchringe, kann mir niemand abnehmen. Eine enge Zustimmungslösung scheint dieser Situation am ehesten gerecht zu werden (der Verstorbene muss zu Lebzeiten, z.B. per Organspendeausweis, einer Organentnahme zugestimmt haben).
in »die Drei« 2/2013; S.7-11
Unsere Anmerkungen
a] Das Hirntod-Konzept, mit dem man juristisch einwandfrei personslose, aber belebte physische Leiber zu bekommen trachtet, beruht auf der absichtlichen Gleichsetzung von Hirnstillstand und eigentlichem Tod welche Andreas Zieger mit folgenden Worten kennzeichnet: „Die Bevorzugung der ,Todeszeichen' und die Ausblendung offensichtlicher ,Lebenszeichen' bei der Hirntodbestimmung stellt einen ungeheuren psychischen Einengungsakt intuitiver Wahrnehmung und Kommunikation dar. Dieser scheint wegen des Abgestumpftseins des Mitgefühls und des eigenen leiblichen Berührtseins angesichts eines ,hirntot'-sterbenden Menschen den psychopathologischen Tatbestand von ,Alexithymie' (Gefühlsblindheit) und ,Neglekt' (Vernachlässigung von Wirklichkeitsbereichen) zu erfüllen. Neglekt, Alexithymie und Empathieverlust sind die Kennzeichen der psychopathologischen Seite der biotechnischen Erkenntnislogik des Hirntodkonzepts.” (in Manzei, A./Schneider,W.: «Transplantationsmedizin», Münster 2006). Gleichwohl können Menschen, bei denen der Hirnstillstand fachgerecht diagnostiziert wird, nicht ohne erhebliches Zutun weiterleben und keineswegs gesunden.
b] siehe Gesundheit Österreich
c] Der Philosoph Günther Anders hätte diese Vorgehensweise unter „postzivilisatorischem Kannibalismus” («Die Antiquiertheit des Menschen - Bd.2», München 1981; S.22) eingereiht.
d] also Ärzte einer Elitehochschule (Ad Hoc Committee of the Harvard Medical School to Examine the Definition of Brain Death: "A definition of irreversible coma", in »JAMA« 205 (1968); S.337-340) in jenem Staat, dessen Richter in Nürnberg 1946/47 NS-Ärzte verurteilt hatten - Allerdings hatten schon P.Mollaret und M.Goulon in «Le coma dépassé» (»Revue neurologique« 101 (Paris 1959); S.3-5) von unheilbaren hirnstammreflexlosen Patienten berichtet.
e] Die Kulturhistorikerin Anna Bergmann lässt in ihrem Buch «Der entseelte Patient» (Berlin 2004) eine Entwicklungslinie erkennen, die beim Zusammenspiel von Anatomen und Henkern zu Beginn der Neuzeit einsetzt und über Vivisektion sowie „entartete” Medizin (in der Sowjetunion, Japan, Deutschland uam.) zur heutigen Euthanasiedebatte, Genmanipulation und Transplantationsmedizin führt.
f] unter enormen intensivmedizinischen Anstrengungen und als Frühgeburt (nie später als in der 32.Schwangerschaftswoche) per Kaiserschnitt, also kaum ein Hinweis auf die Lebenskraft der hirntoten Mutter
g] „weitergelebt” freilich im Sinne von „künstlich beatmet und ernährt vegetiert” (übrigens war die Datenlage nur für 56 Patienten sicher genug, nicht für 175, und mehr als 14 Jahre wurde überhaupt nur einer hingehalten - vgl. Hinrich Baumgart in »das Goetheanum« 9·2013; S.11f)
h] Derlei „entscheidungsoffen”, gleichwohl unter spürbarem Zeitdruck geführte Verhandlungen stehen allzuoft unter dem nötigenden Eindruck, den scheinbar kompetente, indes halbwahre Behauptungen und einseitige Darstellungen (vgl. Lessings V.Geschichte des alten Wolfs) vermitteln. Der Priester Günter Kollert meint dazu (in »die Drei« 2/2013; S.17): „Das Verrechnen bioethischer Forderungern zugunsten der Transplantationspatienten mit einer autoritativ postulierten moralischen Dimension der Preisgabe eigener Organe oder solchen von Schutzbefohlenen (»Die Organe Ihres Kindes können soundsoviele andere Kinder retten ...«) ist ein Schachern mit sittlichen Werten, die in würdiger Weise nur unabhängig voneinander gelebt werden können.”
i] Eine ähnlich halbbewusste Schicksalsvermengung zeigt sich im eigenartigen Verhältnis eines anonymen Samenspenders zu den vielen durch ihn gezeugten Kindern.