| zur Übersicht | |
| Merkblatt- Beilage 33: |
|
| Zur Meditation | |
| Rudolf Steiner | |
| Solches Leben der Seele in Gedanken, das sich immer mehr erweitert zu einem Leben in geistiger Wesenheit, nennt die Gnosis, die Geisteswissenschaft Meditation (beschauliches Nachdenken) [a]. Diese Meditation ist das Mittel übersinnlicher Erkenntnis. - Aber nicht schwelgen in Gefühlen soll der Geheimschüler in solchen Augenblicken. Er soll nicht unbestimmte Empfindungen in seiner Seele haben. Das würde ihn nur hindern, zu wahrer geistiger Erkenntnis zu kommen. Klar, scharf, bestimmt sollen sich seine Gedanken gestalten. [b] Dazu wird er einen Anhalt finden, wenn er sich nicht blind an die Gedanken hält, die ihm aufsteigen. Er soll sich vielmehr mit den hohen Gedanken durchdringen, welche vorgeschrittene, schon vom Geist erfaßte Menschen in solchen Augenblicken gedacht haben. Er soll zum Ausgangspunkte die Schriften nehmen, die selbst solcher Offenbarung in der Meditation entsprossen sind. In der mystischen, in der gnostischen, in der geisteswissenschaftlichen Literatur von heute findet der Geheimschüler solche Schriften. Da ergeben sich ihm die Stoffe zu seiner Meditation. Die Geistsucher haben selbst in solchen Schriften die Gedanken der göttlichen Wissenschaft niedergelegt; der Geist hat durch seine Boten sie der Welt verkündigen lassen. | |
| Durch solche Meditation geht eine völlige Verwandlung mit dem Geheimschüler vor. Er fängt an, über die Wirklichkeit ganz neue Vorstellungen sich zu bilden. Alle Dinge erhalten für ihn einen anderen Wert. Immer wieder muß es gesagt werden: nicht weltfremd wird der Geheimschüler durch solche Wandlung. Er wird auf keinen Fall seinem alltäglichen Pflichtenkreis entfremdet. Denn er lernt einsehen, daß die geringste Handlung, die er zu vollbringen hat, das geringste Erlebnis, das sich ihm darbietet, im Zusammenhang stehen mit den großen Weltwesenheiten und Weltereignissen. Wird ihm dieser Zusammenhang durch seine beschaulichen Augenblicke erst klar, dann geht er mit neuer vollerer Kraft an seinen täglichen Wirkungskreis. Denn jetzt weiß er: was er arbeitet, was er leidet, das arbeitet, leidet er um eines großen, geistigen Weltzusammenhanges willen. Kraft zum Leben, nicht Lässigkeit quillt aus der Meditation. | |
| [...] | |
| Wer sich durch die Meditation erhebt zu dem, was den Menschen mit dem Geist verbindet, der beginnt in sich das zu beleben, was ewig in ihm ist, was nicht durch Geburt und Tod begrenzt ist. Nur diejenigen können zweifeln an einem solchen Ewigen, die es nicht selbst erlebt haben. [c] So ist die Meditation der Weg, der den Menschen auch zur Erkenntnis, zur Anschauung seines ewigen, unzerstörbaren Wesenskernes führt. Und nur durch sie kann der Mensch zu solcher Anschauung kommen. [...] | |
| aus «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten»; S.38ff | |
| Meditation und Konzentration sind die sicheren Mittel, um zu dieser Stufe, ebenso wie zu den früheren [d] hinanzusteigen. Allerdings müssen sie in stiller, geduldiger Art geübt werden. Wer da glaubt, daß er tumultuarisch, mit Gewaltmitteln zu den höheren Welten steigen kann, der irrt sich. Und einem solchen Glauben würde sich derjenige hingeben, welcher erwartete, daß ihm die Wirklichkeit auf höheren Gebieten in ebensolcher Art entgegentritt wie in der Sinnenwelt. So lebhaft und reich auch die Welten sind, zu denen man hinansteigt, sie sind fein und subtil, während die Sinnenwelt grob und derb ist. Das Wichtigste, was man lernen muß, ist gerade die Gewöhnung daran, etwas ganz anderes «wirklich» zu nennen, als was man im Bereich der Sinne so bezeichnet. | |
| aus «Die Stufen der höheren Erkenntnis»; S.23f | |
| Wer meditiert, und sei es in der einfachsten Art, durch irgendeine der von den geistigen Führern der Menschheit stammenden Meditationsformeln, wer meditiert und sich also im Geiste irgendeine der Formeln, irgendeinen der bedeutenden Gedankeninhalte [e] gegenwärtig sein läßt [...], in seinem Herzen leben läßt, der durchlebt ein Zusammenfließen mit der höheren Geistigkeit, es durchströmt ihn eine höhere Kraft. Er lebt in ihr. Er schafft zunächst Kraft, um seine gewöhnlichen Geisteskräfte daran zu stärken, zu heben, zu beleben, und wenn er genügend Geduld und Ausdauer hat und diese Kraft vielleicht bis zur moralischen und intellektuellen Stärkung in sich hat einfließen lassen, dann kommt auch der Zeitpunkt, wo tiefere, in jeder Menschenseele schlummernden Kräfte geweckt werden können durch einen solchen Meditationsinhalt. Von der einfachsten moralischen Stärkung und Kräftigung bis zu den höchsten Gebieten des hellseherischen Vermögens gibt es alle möglichen Stufen, welche durch ein solches Meditieren erreicht werden können. | |
| Berlin, 28.I.1907/MO (in «GA 96»; S.202f) | |
| Wie ist es in der Geisteswelt? Wenn man erleben will das, wovon ich gesagt habe, daß es so flüchtig, so leicht fluktuierend und leicht beweglich ist gegenüber den Vorgängen und Dingen der physischen Welt, daß wir zwar auch drinnen leben wie in den groben Dingen der physischen Welt, aber sie nicht erleben, weil sie zu fein sind - wenn man dieses fluktuierende Feine erleben will, so kann man es zunächst nur dadurch erleben, daß man das, was unser gewöhnliches Ich ist, was der Träger unserer Individualität, unserer Egoität ist, herabstimmt, richtig herabstimmt. In einer richtigen Meditation tun wir das. Worin besteht diese Meditation? Wir nehmen uns irgendeinen Vorstellungsinhalt [e] und überlassen uns ganz diesem Vorstellungsinhalt. Wir vergessen uns selber und leben, indem wir die Egoität des gewöhnlichen Tagesbewußtseins unterdrücken. Wir schalten aus alles, was mit der Egoität des Tagesbewußtseins zusammenhängt. Und da wir als Menschen nur gewöhnt sind, für den physischen Plan die Egoität anzuwenden, haben wir zunächst überhaupt die Egoität unterdrückt. Statt daß wir im physischen und Ätherleib leben, gelingt es uns allmählich, daß wir durch Unterdrücken der Egoität nur im Astralleib leben. [f] | |
| Merken Sie wohl: das ist es, worauf es ankommt. Wenn wir meditieren, uns konzentrieren, haben wir immer zunächst das Ziel, das Bestreben, nicht in der Egoität zu leben. Die darf dann nicht physische Erfahrungen vermitteln, sondern wir haben das Bestreben, sie herunterzudrücken in den Astralleib. Wenn sie im Astralleib ist, spiegelt sie sich zunächst nicht im physischen Leib. Wenn Sie das Bukettchen [g] sehen, sind Sie in Wahrheit in dem Bukettchen drinnen. Der physische Leib ist ein Spiegelapparat, und Sie sehen das Bukettchen, weil er es Ihnen spiegelt. Wenn Sie das Ich mit der Egoität unterdrücken, dann werden Sie im Astralleib drinnen sein. Und der ist jetzt so fein, daß Sie die feinen fluktuierenden Dinge der Außenwelt bewußt wahrnehmen können, aber - die müssen nun auch erst gespiegelt werden, wenn Sie sie wirklich wahrnehmen sollen. [...] Und gerade wie man im gewöhnlichen Leben durch den physischen Leib das, was man erlebt, gespiegelt erhält, so muß man, wenn man in der geistigen Welt bewußt wahrnehmen will, durch den Ätherleib die Erlebnisse des astralischen Leibes zunächst gespiegelt erhalten. | |
| Dornach, 3.X.1914/SA (in «GA 156»; S.19f) | |
| nach oben | |
| Geistesforschung kann nicht beim Denken bloß stehenbleiben. Geisteswissenschaft muß das Denken verstärken, erkraften, muß auf das Denken eine seelische Tätigkeit anwenden, die man bezeichnen kann mit dem Worte Meditation. [b] | |
| Worin besteht diese Meditation? Sie besteht nicht so sehr in einem Vertiefen des Denkens, sondern in einem Verstärken des Denkens. Gewisse Gedanken, die man sich vorsetzt, die man immer wiederum in das Bewußtsein bringt, bis sie dem Denken so viel innere Dichtigkeit gegeben haben, daß das Denken nicht bloß Denken ist, sondern Erlebnis wird wie ein anderes Erlebnis, das eben ein stärkeres Erlebnis ist als das bloße abstrakte Denken: das ist Meditieren. Das Meditieren macht manchem viel Mühe. Je nach den verschiedenen Anlagen muß man sich mehr oder weniger monate-, jahrelang oder noch länger dabei anstrengen; allein es kann bei jedem Menschen dasjenige Erleben herbeigeführt werden, das hier gemeint ist. Es ist dasjenige, was der Geistesforschung zugrunde gelegt werden soll, [c] nicht irgend etwas, was nur aus Erlebnissen erlesener einzelner Menschen zustande kommt, sondern dasjenige, wozu jeder Mensch gelangen kann. | |
| Zürich, 8.X.1918/MA (in «GA 73»; S.227f) | |
| Es ist bequemer, das oder jenes einzunehmen, statt zu meditieren. Es richtet sich der Mensch dadurch in einer gewissen Weise gerade moralisch zugrunde. Aber die Leute würden doch heute mit der gegenwärtigen moralischen Menschenverfassung nicht nachgeben [...] und würden, statt zu meditieren, lieber irgendein äußeres Mittel einnehmen wollen, das ihnen zunächst auf den ersten Schritten des Weges zu einem ähnlichen Resultate verhelfen würde wie das Meditieren. Es ist tatsächlich so, daß so etwas sein kann. [h] Denn sehen Sie, Sie merken nämlich, wenn Sie eine Zeitlang Ihr Meditieren wirklich fortführen und Neigung haben, sich über solche Dinge Rechenschaft abzugeben, daß Sie geradeso, wie Sie sonst bewußt wissen, Sie haben Hände, mit denen Sie greifen, Füße, mit denen Sie gehen, so zum Bewußtsein der strahlenden Eisenwirkung kommen. [...] Das Bewußtsein, sich als eisernes Phantom zu fühlen, das ist dasjenige, was auftritt. Das, was ich meine, ist das, daß nun natürlich die Leute kommen und sagen würden: Na ja, man kann also äußerlich durch irgend etwas, was man einnimmt, die Eisenempfindlichkeit, die Sensitivität für das eigene in sich befindliche Eisen erhöhen, dann hat man dieselbe Wirkung. Das ist nämlich für gewisse Schritte durchaus richtig. Aber dann wäre das Gefährliche, die Leute würden anfangen, einfach in dieser Weise zu experimentieren, um auf eine leichte Art zum «Hellsehen», wie man sagt, zu kommen. Diese Dinge sind ja vielfach gemacht worden. [i] Wenn sie gemacht werden, ich möchte sagen als Opfer für die Menschheit, dann ist das was anderes; aber wenn sie gemacht werden aus Neugier, dann zerstören sie die moralische Verfassung der menschlichen Seele von Grund aus. | |
| Dornach, 1.IIII.1920/DO (in «GA 312»; S.237f) | |
| Über die Meditation soll man nicht «mystisch» denken, aber man soll auch nicht leicht über sie denken. Die Meditation muß etwas völlig Klares sein in unserem heutigen Sinne. Aber sie ist zugleich etwas, zu dem Geduld und innere Seelenenergie gehört. Und vor allen Dingen gehört dazu, was niemand einem anderen Menschen geben kann: daß man sich selber etwas versprechen und es dann halten kann. Wenn der Mensch einmal beginnt, Meditationen zu machen, so vollzieht er damit die einzig wirklich völlig freie Handlung in diesem menschlichen Leben. Wir haben in uns immer die Tendenz zur Freiheit, haben auch ein gut Teil der Freiheit verwirklicht. Aber wenn wir nachdenken, werden wir finden: Wir sind mit dem einen abhängig von unserer Vererbung, mit dem andren von unserer Erziehung, mit dem dritten von unserem Leben. Und fragen Sie sich, inwiefern wir imstande sind, das, was wir durch Vererbung, durch Erziehung und durch das Leben uns angeeignet haben, plötzlich zu lassen. Wir wären ziemlich dem Nichts gegenübergestellt, wenn wir das plötzlich lassen wollten. Wenn wir uns aber vornehmen, abends und morgens eine Meditation zu machen, damit wir allmählich lernen, in die übersinnliche Welt hineinzuschauen, dann können wir das jeden Tag tun oder lassen. Nichts steht dem entgegen. Und die Erfahrung lehrt auch, daß die meisten, die mit großen Vorsätzen an das meditative Leben herangehen, es sehr bald wiederum lassen. Wir sind darin vollständig frei. Es ist dieses Meditieren eine urfreie Handlung. | |
| Oxford, 20.VIII.1922/SO (in «GA 214»; S.126) | |
| nach oben | |
| Andere Stimmen | |
| Wenn der Mensch sich auf den Weg einer inneren Entwicklung begibt, wandelt er sein Gedächtnis um. Es wird zu einer Erkenntnisfähigkeit. Und da tritt ihm der Saturn nun als diejenige Wesenheit entgegen, die ihn mit denjenigen Eigenschaften ausstattet, die ganz besonders der Geistesforscher braucht. Der Saturn lebt ja in der Vergangenheit, in der Geschichte unseres Sonnensystems darinnen. Die weiss er dem Menschen, der sich zu ihm erheben kann, in wunderbarer Weise zu schildern. Da ist er nicht mehr «das große Unglück» der überlieferten Astrologie, sondern er verleiht dem Menschen gerade diejenigen Eigenschaften, die das gewöhnliche Gedächtnis ersetzen. Durch immer wieder erneutes Erleben verschafft der Geistesforscher sich jene Kräfte, die anstelle des alten, mechanischen Gedächtnisses treten. Dieses Erleben, die nötige Konzentration und Meditation, müssen aber vom Menschen selber, von seiner freien Geistestat ausgehen! Dann kommen ihm die Saturnkräfte entgegen, die ihn geistig so stützen, wie er sich als Mensch im gewöhnlichen Leben auf das seelisch-leibliche Gedächtnis gestützt hat. Und dann kann Saturn ihm die kosmische Vergangenheit enthüllen, wie wir sie in der «Geheimwissenschaft» geschildert finden. | |
| In alten Zeiten wußte man, daß der Saturn es ist, der das Seelische (den Astralleib) mit dem physischen Leib des Menschen verbindet und daß diese Verbindung eine richtige sein soll, will man einen Menschen zur Einweihung führen können. Daher wurde in den ägyptischen Mysterien nach der Geburtskonstellation des Saturn gesehen bei einem Menschen, der die Einweihung erleben sollte. War die Konstellation eine im Sinne der damaligen Zeit ungünstige, so wurde der Mensch abgewiesen. Keiner hätte das als eine besondere Härte, sondern eher als etwas wie ein Naturgesetz empfunden. Man fühlte sich ganz als Glied des Kosmos. Heute braucht es sich keiner, der ein seelisch gesunder Mensch ist, zu versagen, den Weg zu gehen, der in «Wie erlangt Erkenntnisse der höheren Welten» vorgezeichnet ist, wie auch sein Horoskop beschaffen sein mag. Schon an dieser Tatsache können wir den ganzen Umschwung in der Einstellung seit der vorchristlichen Zeit ermessen. | |
| Elisabeth Vreede aus «Astronomie und Anthroposophie»; S.158 |
|
| Rudolf Steiner fordert uns auf, im Grunde genommen gegenüber der ganzen Welt der Wahrnehmung zu einem sinnlich-sittlichen [k] Erleben, zu sinnlich-sittlichen Gefühlen zu kommen. Das gelingt aber nur durch ein meditatives Verhalten. Der Weg geht nach innen. Die naturwissenschaft steigert die Wahrnehmung durch Technizismen nach außen. Wir sind aber jetzt als abendländische Menschen, die so stark in der Wahrnehmung leben, aufgefordert, einen Prozeß der Verinnerlichung auszuüben und zu merken: aus den Sphären des Moralischen, also des Willenselementes, aus der Sphäre des Fühlens will ein Echo entstehen. Es ist eben etwas, wozu der heutige Mensch durch den Lärm der Großstadt, durch Fernsehen usw. überhaupt nicht mehr sich erziehen kann, weil er von Erlebnis zu Erlebnis, von Sensation zu Sensation eilt und sich nicht die Ruhe nimmt, ein Erlebnis in gemüthafter Konzentration nachklingen zu lassen. Steiner beschreibt, wie aus solchen nachklingenden sinn-sittlichen Gefühlen, weil sie aus den tiefen Schichten unseres objektiven Seelenlebens kommen, sich wiederum die Organe der geistigen Wahrnehmungen bilden. Das sinnlich-sittliche Fühlen als moralisches Naturerleben erspürt die Seite der Wahrnehmung, wo sie im Sinne Goethes zum Gleichnis für das Unvergängliche wird. Dieses wird uns langsam durch die geschilderte Beseelung der Wahrnehmung erschlossen. | |
| Die Umschmelzung des Denkens zum Organ geistigen Schauens kann das Denken allein nicht bewältigen. Es muß der ganze Mensch in seinem Fühlen und Wollen aktiviert werden, in seiner Erlebnisfähigkeit, im Gefühlsgebiet, in der Ansprechbarkeit seines Willens. Die Frucht eines solchen vielfältigen, jahrelangen Schulungsweges kann ja nun sein, daß das Denken zu einem wirklichen Schauen innerlich erblüht, so daß von bestimmten Ideen etwas abfällt, wie das äußere Kleid der Idee, und das Wesenhafte der Idee selbst in Erscheinung tritt, allerdings wie durchstrahlt von dem Charakter des echten Willens. Das Denken wird zur ichdurchstrahlten Imagination emporgeführt. Betrachten wir so einmal das Urgeschehen der Taufe am Jordan als Beispiel einer echten Imagination. Subjektiv wird das Bild der Taube [l] zur erlebbaren Hülle für ein objektives Geistgeschehen. Dieses hätte sich nicht in das Bild eines Sperlings oder eines Geiers kleiden können. Der Organismus Johannes des Täufers ist aufgeschlossen genug, um dieses Geistgeschehen zwar nicht direkt, aber indirekt ins Bild gekleidet als objektive Wahrheit empfangen zu können. In diesem Sinne ist das erste Erleben der übersinnlichen Welt ein bildhaftes Schauen oder Hellsehen, wenn man so sagen will. | |
| Walther Bühler aus «Meditation als Erkenntnisweg»; S.22f |
|
| nach oben | |
| Der meditative Erkenntnisweg der Anthroposophie bildet eine direkte Fortsetzung der naturwissenschaftlichen Forschungsmethode. Mit der experimentellen, auf Sinnesbeobachtungen gestützten wissenschaftlichen Methode und der daran anschließenden Theoriebildung stößt man in bezug auf das Wesen des Menschen und der Welt an innere und äußere Grenzen, an denen keine befriedigenden Antworten mehr gefunden werden können. Die kritische Lage, in der die Menschen der Gegenwart sich in bezug auf das individuelle und soziale Leben und das Verhältnis zur Natur befinden, weist deutlich auf diese Aporie hin. Sie läßt sich nur dann überwinden, wenn an diesen Grenzen der Naturwissenschaft mit Hilfe neuer Fähigkeiten eine Bewußtseinserweiterung stattfindet. Dabei können sich den menschlichen Erkenntniskräften durch eine Umgestaltung des Denkens, Fühlens und Wollens neue Tatsachengebiete erschließen. Es geht also nicht um weitere «geniale» Theoriebildungen oder um subjektive, «mystische» Gefühlserlebnisse; entscheidend ist allein, ob ein Zugang zu den geistig-wesenhaften Tatsachen [m] der Welt und des Menschen gefunden werden kann. | |
| Jeder Mensch der Gegenwart befindet sich zunächst in einer Kluft, einer Spaltung von Innenerlebnissen und Eindrücken der Außenwelt. Beide ergeben, in der Form, in der sie sich zunächst darbieten, für die eindringliche Erkenntnisfrage nach dem Wesen des Menschen keine Erkenntnisse. Die Innenerlebnisse stellen in allen ihren Einzelinhalten Einwirkungen von Außenerlebnissen dar. Wenn ein bestimmter Inhalt dieser Innenerlebnisse als «Wesenskern» festgehalten werden soll, löst er sich bei genauerer Betrachtung als «Illusion» auf, oder er erweist sich als Summe mehrerer Außeneinwirkungen. Werden dagegen die Inhalte der Außenerlebnisse genauer geprüft, so sind sie immer von verschiedenen subjektiven Elementen der Innenwelt gefärbt und beeinflußt. Nach beiden Seiten hin ergibt sich zunächst ein Labyrinth von Unsicherheiten, Zweideutigkeiten oder völlige Unklarheit. Mit der Frage nach dem wahren Wesen des Menschen blickt man deshalb [...] zunächst in eine Erkenntnis-Finsternis. Innerhalb dieser doppelten Finsternis ist freilich ein deutliches Gefühl der Existenz des eigenen Wesens vorhanden, aber keine zureichende Einsicht, was dieses Wesen wirklich ist, wie wenn man hinter einem Vorhang durch die Bewegungen des Vorhanges sicher weiß, daß da etwas vorhanden sein muß, ohne dieses Etwas direkt wahrnehmen und verstehen zu können. | |
| Welches sind nun die Schritte eines Erkenntnisweges, der das Geistig-Wesenhafte im Inneren des Menschen mit dem Geistig-Wesenhaften der Außenwelt zusammenführt, so daß eine stufenweise Erhellung jener Finsternis und eine Überwindung der Kluft zwischen Innen und Außen erreicht werden können? Im folgenden sollen vier Hauptstufen auf diesem Erkenntnisweg charakterisiert werden: | |
| 1. Das Erleben des selbständigen Denkens durch Erhellung und Verstärkung der inneren Tätigkeit. | |
| 2. Entwicklung und Entfaltung einer lebendigen inneren Bildfähigkeit [Imagination]. | |
| 3. Herstellung eines «leeren» Bewußtseins als geistiges Resonanz-Organ, Entwicklung der Fähigkeit das Geistige zu «hören» [Inspiration]. | |
| 4. Wesenserfassung des menschlichen Inneren und der Umgebung, stufenweise Überwindung der Kluft zwischen dem Inneren und Äußeren in der Erkenntnis und im sozialen Leben [Intuition]. | |
| Jörgen Smit aus «Freiheit erüben»; S.11f |
|
| Der Sinn des Meditierens ist, dem Abgrund, der sich im Laufe der Bewußtseinsentwicklung zum Selbstbewußtsein hin zwischen dem leiblich gespiegelten Vergangenheitsbewußtsein und der Ebene der Lebendigkeit - die gespiegelt wird - aufgetan hat, zu überwinden. Die Brücke besteht aus der freien, konzentrierten Aufmerksamkeit. Diese geht vom höheren Ich aus, wird als intentionale Aufmerksamkeit durch und im Alltagsich gespiegelt und führt durch ihre Steigerung zur Selbstwahrnehmung, die dem höheren Ich, ihrer Quelle, immer näher rückt. Damit hebt die Aufmerksamkeit das Alltagsbewußtsein in das höhere Ich, dieses wird nun auf der eigenen Ebene selbstbewußt - nicht mehr bloß im Spiegelbild -, und die Aufmerksamkeit lernt dabei auch empfangend aktiv und konzentriert zu bleiben. Dazu bedarf sie besonderer Themen: die Themen der Meditation. [e] | |
| Georg Kühlewind aus «Freiheit erüben»; S.90 |
|
| nach oben | |
| [Die Ich-Verachtung] trifft auch für die neueren asiatischen Geisteswege zu, die sich dem Menschen seit einigen Jahren als Heilsbringer empfehlen; auch sie knüpfen an die alten asiatischen Impulse an, ohne auf die - jedenfalls für unsere westlichen Verhältnisse wirksamen - Entwicklungen des Ich Rücksicht zu nehmen. Das zeigt sich deutlich bei genauerem Studium dieser Geisteswege, auch wenn sie sich modern geben (z.B. TM [n], Bhagwan, Ananda marga u.a.). Auf andere Art gilt es auch für die mit «Scientology» auftauchenden Übungen (im letzteren haben wir eine ahrimanische [o], in den anderen mehr eine luziferische [o] Nuance der okkulten Übungswege vor uns). | |
| Solche Urteile können leicht dogmatisch und parteiisch erscheinen. Dem Verfasser ist dies sehr bewußt. Trotzdem geht es nicht an, bei Besprechung von Übungen, die Meditation und okkulte Übungen einschließen soll, die Gefährlichkeit solcher Übungen außer acht zu lassen. Jede echte Übung dieser Art hat Wirkungen. Damit muß man rechnen. [...] Wir wollen nicht verhehlen, daß auch anthroposophische Meditationen - unbedacht begonnen - schwierige Folgen haben können. Hier wird oft übersehen, wie dringend Rudolf Steiner auf die notwendigen Vorbereitungen und Vorübungen [p] hingewiesen hat. | |
| Hans-Werner Schroeder aus «Der Mensch und das Böse»; S.294f |
|
| In meiner Arbeit mit jungen Menschen nehme ich immer wieder wahr, dass in ihnen zwar eine Sehnsucht nach meditativer Arbeit lebt, sie aber nicht wissen, wie sie eine Brücke zur Praxis schlagen können. Ich ermutige sie, den Anfang bei sich selbst zu suchen, da, wo sie einmal berührt worden sind, vielleicht, wie bei mir, von einem Naturerlebnis im herbstlichen Wald. Mit solch einer Erinnerung schließt man an ein Erlebnis an, ist gleichsam aufgewärmt. | |
| Wenn man nun ein Erlebnis gefunden hat, das man zum Ausgangspunkt nehmen möchte, kann man sich dazu einen Satz bilden, etwas Einfaches, Schlichtes genügt. Bei mir war es die Sonne und der Satz «Die Sonne scheint.» Indem ich mich nun mit solch einem Satz regelmäßig befasse, habe ich mir eine Aufgabe gestellt. | |
| Und mit ihr kommt die Frage: Wie übe ich? Ich habe festgestellt, dass es da verschiedene Bedürfnisse gibt: rhythmisches Üben, von Anregungen Rudolf Steiners ausgehen oder von Übungen, die aus meinem Leben heraus entstehen. Und damit meine ich beispielsweise: Ich entdecke, dass mein Seelenleben ein sensibles Instrument ist, das ich entwickeln kann, etwa, wenn ich eine Entscheidung zu treffen habe und nun darauf achte, wie ich dazu komme. Ich kann meine Gefühle kultivieren und damit verstärken. Jeder hat da seinen eigenen Weg, und so müsste eigentlich jeder sein eigenes Buch schreiben: Wie erlange ich Erkenntnisse der höheren Welten?. | |
| Wenn nun die Aufgabe des Meditierens ergriffen ist und man sie wie Hunger empfindet, man in seinen eigenen Rhythmus kommt, man sozusagen mitten drin ist und sich getragen fühlt, kann es passieren, dass man Widerstand erlebt: einen inneren (ich will nicht), einen äußeren (ich habe es vergessen) oder einen, der schwieriger zu beschreiben ist, weil er einem Bezirke der eigenen Seele erschließt, zu denen man erst ein Verhältnis finden muss. Mit ihnen werde ich bezüglich meiner eigenen Unfähigkeiten wach; sie bilden die Inhalte für meine Selbsterkenntnis. Rudolf Steiner betont ja, wie wichtig es ist, einen Schritt in der geistigen Entwicklung zu tun und drei in der moralischen. Diese drei Widerstände nun soll man achten und respektieren und nicht sagen: Ich bin gescheitert. | |
| Wenn man solch einen Widerstand erfährt, kann man nun zurückblicken und sich fragen: Was habe ich bisher erlebt? Ist nicht bereits ein besonderer Raum entstanden, der schon Substanz hat? Man nimmt sich wieder etwas Schlichtes vor, geht scheinbar einen Schritt zurück. Doch ist es vielmehr wie bei einer Spirale: Man ist nur scheinbar am selben Punkt, man ist nämlich etwas weiter, hat sich entwickelt. Wenn man den Widerstand nicht akzeptiert, kann es passieren, dass der Schulungsweg abstrakt wird. | |
| Ich habe wahrgenommen, dass es für viele eine Hilfe ist, mit anderen über ihre Erfahrungen sprechen zu können. Und das kann man in Übgruppen, mit einer guten Freundin oder einem guten Freund. Das muss nicht in einer offiziellen Studiengruppe geschehen. Ich habe erlebt, dass dabei die Fragen «Wo warst du besonders wach?» und «Wo warst du besonders berührt?» eine Hilfe sein können. Ich denke, es geht dabei vor allem darum, davon zu hören, wie etwas in einem anderen lebt, ohne dass man das selbst auch so erleben muss. Durch die Erfahrungen des anderen kann ich meinen anderen Weg besser verstehen, jeder regt den anderen an. Das ist wie in der Musik, wo der Einzelton im Kontext eines Intervalls oder eines Akkords seine Stellung bekommt. Diese Stimmung kann sehr inspirierend sein - ein Text oder ein Meditationsspruch kann so mit Licht und Wärme verbunden werden. Dabei ist wichtig, berührt sein nicht mit Gefühlen aus dem Alltag zu vermischen, denn es geht um ein Es fühlt in mir. | |
| Außerdem kann man nun das Augenmerk darauf richten, welche Wirkungen durch das Meditieren entstehen. Dadurch, dass ich achtsamer werde, kann ich vielleicht jemand anderem besser zuhören. Und das löst womöglich beim Angehörten etwas aus, weil er ermutigt wird, etwas weiterzuverfolgen. Meditation hat Folgen für mein Leben und für das soziale Leben - sie zeitigt Konsequenzen für die Lebensgestaltung, auch wenn das erst einmal nur leise geschieht. | |
| Wenn man den Boden erst einmal bereitet hat, kann man alles meditieren. Ich selbst brauche dafür einen Anfang, und der besteht darin, danach zu suchen, was mich berührt hat. | |
| Elizabeth Wirsching in »Das Goetheanum« 42·2010; S.6f |
|
| Þ auch Institut für anthroposophische Meditation | |
| Unsere Anmerkungen | |
| a] vgl Mbl.19 b] vgl. "Denken und Meditieren" c] Diese Evidenz(erfahrung) ist ein reproduzierbares Grundkriterium der Geisteswissenschaft. d] nämlich zur Intuition (vgl. MblB.33c) wie zur Inspiration (vgl. MblB.33b) und zur Imagination (vgl. MblB.33a) e] Neben Textmantren (zB. Urselbst) können das auch Bilder (zB. Rosenkreuz-Meditation) oder Klänge (zB. maha mritjundschaja mantra) sein. f] zu den Wesensgliedern siehe Mbl.5 g] Blumengebinde neben dem Rednerpult h] wie das zB. in den berüchtigten Werken Castanedas beschrieben wird i] Als Beispiel führt Steiner den Arzt van Helmont an. Für das XIX.Jahrhundert können zB. Baudelaire und Gautier (Cannabis sowie Opium) erwähnt werden, für das XX. Gelpke oder Lilly (LSD) - siehe auch BÜHLER, W.: «Bewußtseinserweiterung mit der Droge». k] Gemeint ist die selbstbestimmte und damit -verantwortete Anwendung der Sinne, mit oder ohne Hilfe der Sinnesorganen. l] vgl MblB.3a m] eigentlich nicht Tatsachen, sondern Wirklichkeiten (vgl. »TzN Jän.2004«: Anm.b) n] Diese guruzentrische Variante ist vor allem durch die Popgruppe "The Beatles" ab Mitte der 1960ger Jahre populär geworden (siehe SCHULTE, Th.: «Transzendentale Meditation»). o] vgl Mbl.16 p] vgl Mbl.21 |
|
| nach oben oder zur Übersicht | |
| © for Unsere Anmerkungen 2011 by DMGG revid.2o12o3 |