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Merkblatt-
Beilage 31a:
Projektionsfiguren
Lydia Fechner
Im Dezember des vergangenen Jahres erschien in Die Zeit eine kurze, aber brillante Analyse von Thomas Assheuer mit dem sprechenden Titel: Der Gottseibeiuns der Politik. Warum der Typus des Karl-Theodor zu Guttenberg eine ideale Projektionsfigur bleibt. Dort geht der Autor der Frage nach, warum eine diskreditierte Person wie Guttenberg [a] noch immer von vielen Bürgern mit großer Leidenschaft verehrt wird,[b] ja warum manche ihn für eine Art Retter des Politischen halten. Dabei entlarvt sich der Deutschen Sehnsucht nach dem ›Souverän‹, dem Führer aus der Misere als immer noch äußerst drängend. Assheuer formuliert: »In einer Situation, in der nationale Demokratien unter Druck geraten, ist also nicht die Person Guttenberg interessant (sonst würde man sie ja nüchtern nach ihren Handlungen und realen (Un-)Fähigkeiten beurteilen, LF), sondern ihre politische Möglichkeit, ihr Typus. Dieser Typus arbeitet mit einer unscheinbaren, gleichwohl wirkungsvollen Unterscheidung. Sie lautet: Ich bin nicht die Regel, ich bin die Ausnahme. Ich bin anders als die machtlos mächtige politische Klasse, und weil ich anders bin, bin ich einer von euch.« Weiter wird gezeigt, wie dieser Typus suggeriert, er sei wie und wo auch immer Herr der Lage und dazu fähig, uns als »Weltvereinfacher, als Tröster und Therapeut ... das Unverständliche verständlich (zu) mach(en)«.¹
1 Die Zeit, 8. Dezember 2011, S. 76.
Diese untergründige Arroganz eines durchschnittlich gebildeten Mannes, der sehr wenig im Leben alleine und aus sich heraus geleistet hat, und das noch nicht einmal gründlich, verwandelt sich vor dem medial gelenkten Blick des sich selbst natürlich auch für etwas besonderes haltenden Bürgers in ein glitzernde Projektionsfläche. Man versteht es, seinen Auftritt zu inszenieren. Die Frage stellt sich, wo um einen herum diese Blendungsbereitschaft und Verführbarkeit zu beobachten ist, welche ein leicht zu trübendes Urteil mit dem Wunsch nach eigener Bedeutsamkeit vereint. War es gegen Ende des Jahres eine die deutschen Medien in Beschlag nehmende Frage, ob der ehemalige adelige Verteidigungsminister zurückkehren wird auf die Bühne der Politik, so bewegte im Januar eine ganz andersartige Persönlichkeit die öffentliche Diskussion: Christian Wulff [c], unser Bundespräsident, windet sich unter Korruptionsvorwürfen banalster Art, aber er inszeniert sich nicht durch Arroganz und Überlegenheitspathos, sondern durch Schwäche: Seht, ich bin nicht vollkommen, sondern ich lerne noch. Seine Stärke zeigt sich eher in der Penetranz seines Durchhaltevermögens, in der mangelnden Fähigkeit, sich selbst einzuschätzen.
In beiden Fällen musste ich an das denken, was Nietzsche mit dem Terminus der »schwachen Persönlichkeit« meinte. Bei solchen Menschen sehe ich keine Geste, keine Formulierung aus der Mitte einer Persönlichkeit heraus, die auf sich selbst zu stellen wagt, die sich nicht durch Macht, Ruhm, Amt und Würden lenken und leiten lässt, die nicht durch gut geschnittene Anzüge oder eine sonore Männerstimme wirkt, sondern durch schlichte innere Sicherheit und Unabhängigkeit.
Menschen, die dieses echte Sein ausstrahlen, stehen häufig nicht im Rampenlicht, der öffentliche Blick sieht sie nicht. Sie inszenieren sich nicht, niemandem stockt der Atem, wenn sie durch die Tür treten. Ihre Wirkung ist ihnen entweder weitgehend egal oder sie nehmen sich bewusst zurück, wenn die Situation nichts anderes erfordert. Man kann solchen Menschen Aufgaben geben, deren Aufwand niemand würdigen wird, aber auf deren Qualität man sich verlassen kann. Ich meine dabei nicht die zwanghaft Bescheidenen oder Ängstlichen, die sich nicht trauen, ihre Meinung zu sagen, wenn es notwendig ist. Allerdings ist es oft so, dass man die Äußerungen dieser stillen Starken in bestimmten Kreisen nicht wirklich ernst nimmt, weil sie sich nicht mit charismatischem Impetus in Szene setzen.
Dabei können sie sich auf das beschränken, was sie mit ihrem wahren Wesen ausfüllen. Sie kennen sich selbst sehr genau. Sie betreiben keine Großprojekte, gründen selten Schulen und streben keine repräsentativen Aufgaben an. Falls sie die Bühne betreten, so deswegen, weil sie dort ihre Fähigkeiten wirklich einsetzen können. Die Dinge verändern sich dann.
Ich schätze diese Menschen sehr, denn das, was sie machen, ist echt. Es sind häufig diejenigen, die im Hintergrund tätig sind. Sie sind zuverlässig, stehen im Klassenzimmer, wenn der »Gründer« auf Vortragsreise ist. Sie sind die aktiven Mitglieder, die im Gespräch konstruktiv und interessiert sind, tendenziell eher fragen als antworten und die einen Arbeitskreis durchtragen, auch wenn nur noch vier Leute kommen. Als »Leithengste« treten sie in der Regel nicht in Erscheinung.
Ich habe mit der Zeit gelernt, diese Menschen als die Säulen der menschlichen Gesellschaft zu sehen. Man hält sie für unbedeutend, weil sie mit allem, was sie tun, bei sich bleiben – scheinbar ganz »privat«. Dabei zeigt sich gerade das Gegenteil: Sie leben das, was sie gerade sind, d.h. sie entwickeln ein Stück echte Individualität. Ob öffentlich oder im Hintergrund spielt dann keine Rolle mehr. Denn wie wirken wir denn, wenn wir wirklich nur über das sprechen, was wir verstanden haben? Wenn wir nur das übernehmen, was wir gut machen können? Wenn wir auch für unsere Fehler einstehen? Bestimmt nicht wie Herr zu Guttenberg.
Daneben meinen manche unserer Würdenträger, sie müssten jedes Amt annehmen.[d] Ich denke, das müssen sie nicht um jeden Preis. Wir sollten einfach nur das tun, was wir wirklich wollen und wozu wir die Fähigkeit haben. Politiker, Funktionäre und selbsternannte Führungspersonen werden nicht dazu gezwungen, für andere zu denken, zu reden und zu handeln. Für diese Art der öffentlichen Repräsentation entscheidet man sich. Wer im Falle eines Versagens meint, sich als Opfer inszenieren zu müssen, der täuscht sich über sich selbst. Mein Vorschlag wäre, solche Menschen sich selbst zu überlassen und uns dem zuzuwenden, was für uns persönlich anliegt. Und es wäre ratsam, volle Verantwortung dafür zu übernehmen.
All diesen Überlegungen fehlt natürlich etwas: der Aspekt des Wachsens an der Aufgabe. Denn es versteht sich von selbst, dass vieles im Leben erst gelernt werden muss, und Verfehlungen gehören dazu. Aber gerade in solchen Situationen zeigt sich, aus welchen Motiven gehandelt wird. Enthüllt sich jemand als eine Persönlichkeit, die sich nicht an das Amt verliert, sondern daran wächst, oder übernimmt das Amt nach und nach die Person und ersetzt sie durch ein Ego, das sich – bewusst oder unbewusst – aufbläht? Um in unserer Zeit urteilsfähig zu bleiben, kommt es genau auf diese Unterscheidung an.
aus »die Drei« 2/2012; S.1ff
Unsere Anmerkungen
a] der wegen umfangreicher Abschreiberei in seiner Dissertation zurückgetretene bundesdeutsche Verteidigungsminister Guttenberg
b] ähnlich dem in Österreich unter fortwährender Unschuldsvermutung stehenden ehemaligen Finanzminister Karl-Heinz Grasser
c] der wegen angeblicher Vorteilsnahme zurückgetretene deutsche Bundespräsident Wulff
d] Dieser Mangel an Selbsteinschätzung findet sich auch in Kirchen, Vereinen, Wirtschaftsgruppen und anderen.
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