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Merkblatt-
Beilage 30:
Zur Sexualität
Rudolf Steiner
Das war nun die Aufgabe der übermenschlichen Naturen, der großen Führer, daß sie den jungen Menschen ihren eigenen Charakter, den der Liebe aufprägten. Sie konnten das nur bei dem Teile der Seelenkraft, der sich nach außen richtete. Es entstand dadurch die sinnliche Liebe. Diese ist daher die Begleiterscheinung des Wirkens der Seele in einem männlichen oder weiblichen Leibe. Die sinnliche Liebe wurde die Kraft der physischen Menschenentwickelung. Diese Liebe führt Mann und Weib zusammen, sofern sie physische Wesen sind. Auf dieser Liebe beruht das Fortschreiten der physischen Menschheit.
aus «GA 11»; S.83
In der Mitte der lemurischen [a] Rasse trat auf dem physischen Plan das Kama-Manas in der Zweigeschlechtlichkeit auf. Der Gott, der Kama-Manas herausbrachte, war Jehova. Daher nennt ihn Helena Petrowna Blavatsky den Mondgott; er wird mit Recht der Gott der Fruchtbarkeit genannt. Er hat das äußere Wirken des Kama-Manas auf die Spitze getrieben. Das Sexuelle, das in der lemurischen Zeit herauskam, das wird, wenn wir es zurückverfolgen, wenn wir es in seiner immer höheren und höheren Natur sehen, der zweite Logos. Durch das Kama-Prinzip heruntersteigend wurde es Jehova; durch das Buddhiprinzip hinaufsteigend wurde es das Christus-Prinzip.
Wenn wir aber untergehen im Kamischen der vorirdischen Periode, so werden wir von den asurischen [b] Wesenheiten heruntergezogen. Die höheren Kräfte unserer geistigen Vorgänger sind verknüpft mit den Kräften unserer eigenen niederen Natur. Die menschlichen Leidenschaften stehen in okkulter Beziehung zu den höheren Kräften der uns vorausgegangenen geistigen Wesenheiten. Überall wo Ausschweifung ist, dort ist die Materie gegeben, in der mächtige asurische Kräfte raffinierte Intellektualität ausströmen in die Welt. Bei verdorbenen Menschenstämmen sind solche starken asurischen Kräfte zu finden. Der schwarze Magier bezieht gerade aus dem Sumpf der Sinnlichkeit seine stärksten dienenden Kräfte. Die sexuellen Riten sind dazu da, um in diese Kreise hineinzubannen. Es besteht ein fortwährender Kampf auf der Erde, der auf der einen Seite danach strebt, die Leidenschaften zu läutern, und auf der anderen Seite das Streben hat nach Verstärkung der Sinnlichkeit. Die Wesenheiten, die das Christus-Prinzip zum Führer haben, suchen die Erde für sich zu gewinnen, aber auch die anderen, feindlichen Wesenheiten suchen die Erde an sich zu reißen.
Berlin, 17.X.1905/MA (in «GA 93a»; S.149)
Damit wird hingedeutet auf die künftige Entwickelung der Menschheit innerhalb der Erde. Das habe ich öfter angeführt. Alles, was niedrig ist am Menschen, wird von ihm abfallen. Es bereitet sich im Menschen schon dasjenige vor, was er später sein wird. Nicht in der Art wird er schöpferisch sein wie heute. Nicht aus seinen niederen Leidenschaften heraus wird er schaffen. Wie er heute das Wort hervorbringt, das Wort, welches das Höchste verkörpern kann, so wird er durch das Wort immer schöpferischer werden. Wie er durch die Sexualität egoistischer geworden ist, so wird er durch den Wegfall der Sexualität wieder selbstlos werden. Was man heute durch den Luftstrom aus dem Kehlkopf hervorbringt, das Wort, das wird in der Zukunft der Menschheit schaffend werden. Die Mutierung, das Ändern der Stimme, hängt mit der Geschlechtsreife zusammen. Die Stimme wird das Hervorbringende werden. [c]
Berlin, 1.IIII.1907/MO (in «GA 96»; S.293)
Damit die Liebe sich auf der Erde entwickeln konnte, mußte zunächst der Körper auf einer primitiven Stufe entwickelt sein. Die Liebe mußte in der niedersten Form als geschlechtliche Liebe angelegt werden, um sich durch die verschiedenen Stufen hinauf zu entwickeln, und zuletzt, wenn die Erde in ihrer Vollendung in ihrer letzten Epoche angekommen ist, wird die Liebe veredelt emporgehoben, zur rein geistigen Liebe sich im Menschen prägen. Alle niedere Liebe ist Schulung für die höhere Liebe. Der Erdenmensch soll die Liebe in sich ausbilden, um sie am Ende seiner Entwickelung der Erde zurückgeben zu können; denn alles, was im Mikrokosmos entwickelt wird, wird dem Makrokosmos zuletzt eingegossen.
Berlin, 24.III.1908/MA (in «GA 102»; S.104f)
Nun hat Luzifer [b] die Tendenz, diese beiden Welten miteinander zu vermischen. Überall in der Menschenliebe, wo der Mensch in der physisch-sinnlichen Welt liebt mit einem egoistischen Anflug, um seinetwillen, da geschieht es deshalb, weil Luzifer die sinnliche Liebe der geistigen ähnlich machen will. Dann kann er sie herausreißen aus der Sinneswelt und kann sie in sein besonderes Reich führen. So daß alle Liebe, die eine egoistische Liebe genannt werden kann, die nicht da ist um des Geliebten, sondern um des Liebenden willen [d], den luziferischen Impulsen ausgesetzt ist. Wenn man das, was eben gesagt worden ist, recht ins Auge faßt, dann kommt man schon darauf, daß insbesondere in der Gegenwart, in der materialistischen Kultur der Gegenwart alle Veranlassung vorliegt, auf diese luziferischen Verlockungen gegenüber dem Leben in der Liebe hinzuweisen. Denn ein großer Teil unserer heutigen wissenschaftlichen, insbesondere der medizinischen Literatur und Anschauung, ist durchsetzt von dieser luziferischen Auffassung der Liebe. Man müßte da gewissermaßen etwas heikle Gebiete berühren, wenn man genauer sprechen wollte. Aber das luziferische Element in der Liebe wird geradezu gehätschelt von einer großen Partie unserer medizinischen Wissenschaft, wenn den Männern - insbesondere wird da die Männerwelt bevorzugt - immer wieder und wiederum gesagt wird, daß sie ein gewisses Gebiet der Liebe pflegen müssen, weil das zu ihrer Gesundheit, also um ihrer selbst willen notwendig ist. Viele Ratschläge werden nach solcher Richtung gegeben, wo gewisse Erlebnisse in der Liebe den Männern anempfohlen werden nicht um der geliebten Wesen willen, sondern weil man im Auge hat: das ist notwendig für das männliche Leben. Wenn wir solchen Ausführungen begegnen, und wenn sie noch so sehr in dem Gewand der Wissenschaftlichkeit auftreten, so sind sie nichts anderes als Inspirationen des luziferischen Elementes in der Welt.
München, 25.VIII.1913/MO (in «GA 147»; S.40f)
Was drückt sich aus in dem nationalen Pathos? Wenn der Mensch nationales Pathos besonders entwickelt, was lebt in diesem nationalen Pathos, diesem nationalen Erfühlen, was lebt darinnen? Genau dasselbe, was im Sexuellen lebt, nur im Sexuellen auf andere Weise, im nationalen Pathos wiederum auf andere Weise. Es ist der sexuelle Mensch, der sich auslebt durch diese zwei verschiedenen Pole. Chauvinistisch sein, könnte man sagen, ist nichts anderes als gruppenmäßig Sexualität entwickeln. Man könnte sagen, wo die sexuellen Essenzen, in dem, was sie zurückgelassen haben, die Menschen mehr ergreifen, da ist mehr nationaler Chauvinismus vorhanden; denn es ist dieselbe Kraft, die in der Fortpflanzung liegt, die auch im nationalen Pathos sich äußert. Daher ist der Schlachtruf von der sogenannten «Freiheit der Völker oder der Nationen» etwas, was durchaus richtig erst betrachtet wird in seinen intimeren Zusammenhängen, wenn man - aber mit vornehmem Sinn selbstverständlich - sagen würde: Der Ruf nach Wiederherstellung des Nationalen im Lichte eines sexuellen Problems. - Daß das sexuelle Problem in einer ganz besonderen Form heute über die Erde hin verkündet wird, ohne daß die Leute eine Ahnung haben, wie aus ihrem Unterbewußtsein das Sexuelle in die Worte sich kleidet «Freiheit der Völker», das ist dasjenige, was mit als Geheimnis der Zeitimpulse angesehen werden muß. Und viel mehr als die Menschen glauben, ist in den heutigen katastrophalen Ereignissen [e] von sexuellen Impulsen vorhanden, viel mehr, als die Menschen glauben!
Dornach, 5.I.1918/SA (in «GA 180»; S.163)
Die Geschlechtsliebe ist nur gewissermaßen ein Spezifikum, ein Ausschnitt aus der allgemeinen Menschenliebe; sie ist das, was als das Individuelle, Besondere hervortritt und was mehr im physischen Leibe und ätherischen Leibe haftet, während allgemeine Menschenliebe mehr im astralischen Leibe und Ich haftet. Aber es erwacht auch die Fähigkeit zu sozialer Liebe, ohne die es keine sozialen Einrichtungen in der Welt gibt. Die erwacht erst auf der Grundlage des gesunden Autoritätswesens zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife, das heißt gerade während der Schulzeit des Menschen.
Stuttgart, 15.VI.1919/SO (in «GA 192»; S.194)
[...] so taucht dasjenige, was wir astralisches Erlebnis nennen können, wiederum unter in den menschlichen physischen Organismus zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife. Und dasjenige, was sich im Geschlechtsreifwerden abspielt, das ist nichts anderes als dieses Untertauchen zwischen dem etwa siebenten und etwa vierzehnten Lebensjahre. Es muß dasjenige, was der Mensch unabhängig als Seelisch-Geistiges hat, wiederum untertauchen in den Organismus. Und dasjenige, was dann als physische Liebe auftritt, was als Geschlechtstrieb auftritt, das ist nichts anderes als das Ergebnis dieses Untertauchens, das ich Ihnen beschrieben habe.
Dornach, 2.X.1920/SA (in «GA 322»; S.83)
Die Liebe ist eben etwas ganz anderes bei dem Mann und bei der Frau. Bei der Frau geht durchaus die Liebe von der Phantasie aus und ist immer damit verknüpft, ein Bild zu formen. Die Frau liebt - verzeihen Sie, wenn ich das sage - niemals vollständig bloß einfach den realen Mann, der dasteht im Leben; die Männer sind ja auch gar nicht so, daß man sie, wie sie heute sind, mit einer gesunden Phantasie lieben könnte, sondern es ist immer etwas mehr darinnen, es ist das Bild darinnen, das aus jener Welt heraus ist, die eine Gabe des Himmels ist. Der Mann hingegen liebt mit Wunsch; die Liebe des Mannes trägt einen ausgesprochenen Wunschcharakter. Und dieser Unterschied muß gemacht werden, wie das auch in mehr ideellem, idealem oder realen Sinne dann zum Ausdruck kommt. Das höchste Ideal kann noch ideale Wünsche enthalten; das instinktiv Sinnlichste kann Produkt der Phantasie sein. Aber dieser radikale Unterschied ist zwischen Mannes- und Frauenliebe. Die Frauenliebe ist in Phantasie getaucht; die Männerliebe ist in Wunsch getaucht. Dadurch gerade bilden sie etwas, was im Leben in Harmonie tritt.
Dornach, 4.I.1922/ME (in «GA 303»; S.246)
So daß der absteigende Weg der ist: Man erkennt den Genius der Liebe, man hat die durchgeistigte Liebe. Man erkennt den niederen Diener, die Erotik. Man fällt aber in den Dämon der Liebe. Und der Genius der Liebe hat seinen Dämon in dem Interpretieren, nicht in der wirklichen Gestalt, aber in dem Interpretieren der Sexualität durch die heutige Zivilisation. Wie wird heute schon nicht nur von der Erotik gesprochen, wenn man an die Liebe herankommen will, sondern nurmehr von der Sexualität!
In diesem Reden der Zivilisation über die Sexualität ist, man kann schon sagen, vieles von dem eingeschlossen, was als sogenannter Unterricht über die Sexualität heute angestrebt wird. In diesem heutigen intellektualisierten Reden über die Sexualität lebt die Dämonologie der Liebe. Wie auf einer anderen Stufe der Genius, dem das Zeitalter folgen soll, in seinem Dämon erscheint, weil der Dämon ja eintritt, wo man den Genius verleugnet, so ist es auch auf diesem Gebiete, wo das Geistige in seiner intimsten Form, in der Liebeform, erscheinen soll. Unser Zeitalter betet oft, statt zu dem Genius der Liebe, zu dem Dämon der Liebe, und verwechselt dasjenige, was Geistigkeit der Liebe ist, mit der Dämonologie der Liebe in der Sexualität.
Gerade auf diesem Gebiete können natürlich die vollständigsten Mißverständnisse entstehen. Denn was in der Sexualität ursprünglich lebt, ist durchdrungen von der geistigen Liebe. Aber die Menschheit kann herunterfallen von dieser Durchgeistigung der Liebe. Und sie fällt am leichtesten herunter in dem intellektualistischen Zeitalter.
Dornach, 22.VII.1923/SO (in «GA 225»; S.155f)
siehe auch Vortrag vom 9.X.1918
Andere Stimmen
Erotik im eigentlichen Sinne des Frühgriechischen Eros ist keineswegs Sexualität. Sie kann unter Umständen, in einigen Fällen, vorübergehend Sexualität bejahen, dann aber als irdische Konsequenz einer geistig vorhandenen Realität. In erster Linie ist sie Sympathie der Seelen und deren angestrebte Verbindung im Feinstofflichen [Astralen], sie ist nicht Faust und Gretchen, sondern Faust und Helena oder Dante und Beatrice - ein Begriff, der vielen heute bestenfalls nur noch erahnbar ist an einem Kunstwerk, und darum wähle ich gerade diese Beispiele. Diese Verbindung ist auch keineswegs ans Geschlecht gekettet, sie ist völlig geschlechtslos, erotisch nur im seelischen Sinne. Ganz zum Unterschiede von ihr ist Sexualität im physischen Sinne keineswegs Zeichen von Sympathie bei angestrebter Verbindung, sondern die irdische Illusion, die Maja, um das bekannte indische Wort zu brauchen, die das zusammenfügt, was ohne Leidenschaft sich kaum zusammenfügen würde. Hier sind Auswirkungen des Schicksals, zu denen die Sexualität herbeigezogen werden kann, nicht Erotik im Sinne der Gemeinsamkeit, der Vereinigung der Gleichwertigen und sich seelisch Nächsten, die nur im Feinstofflichen denkbar ist.
[...] denn die Kunst ist, wenn sie mehr als Zeitspiegel mit künstlerischer Technik sein soll, geistig und übersinnlich, ist feinstoffliches Leben, Eros und niemals Sexualität. Ihr Schwellengebiet aber ist genau wie das Schwellengebiet der Mystik gleichem Erleben oder Mißerleben ausgesetzt, und darum führt die Modemystik der Gegenwart vom Eros fort in die Sexualität hinein. Ein verhängnisvoller Irrtum für die Kultur, denn man ist dadurch soweit gekommen, Mystik und Sexualität in einem Atem zu nennen.
Manfred Kyber
aus «Einführung in das Gesamtgebiet des Okkultismus»; S.73ff
Die geschlechtliche Vereinigung spielte in bestimmten vedischen Ritualen eine Rolle (vgl. den Ašvamedha). Hiebei ist zu unterscheiden zwischen der ehelichen Vereinigung, die als Hierogamie galt, und der Paarung orgiastischer Art, die auf die allgemeine Fruchtbarkeit bzw. die Schaffung einer „magischen Verteidigung” zielt [wie in Agrargesellschaften allgemein verbreitet]. In beiden Fällen handelt es sich indes um Riten, man könnte sogar sagen „Sakramente”, die im Blick auf die Resakralisierung der menschlichen Person oder des Lebens vollzogen werden. Später erarbeitet der Tantrismus eine ganze Technik zur sakramentalen Umwandlung der Geschlechtlichkeit.
Mircea Eliade
aus «Geschichte der religiösen Ideen - Bd.1»; S.221
Obwohl es vielen Menschen einzusehen schwerfällt, liegt die Triebkraft zum Sexuellen nicht in der Sexualität selbst und auch nicht in der Vorstellung eines Genießens, sondern in der Suche nach einem Menschen. Im Suchen nach einem Menschen, der die Einsamkeit des Suchenden aufheben kann, der das Gefühl des Alleinseins, der Zusammenhanglosigkeit vertreiben kann. Noch in dem unpersönlichsten Geschlechtsakt ist dieses Motiv zu entdecken. In dieser Beziehung ist das Sexuelle ein Ersatz und unterliegt dem Gesetz des Ersatzes: es befriedigt nie ganz. Der Mensch macht auch die Erfahrung, daß körperliche Nähe die Einsamkeit nicht aufhebt. Diese Enttäuschung kann ihn zum Verächter des Sexuellen machen, von dem er abhängig bleibt, und auch zu jemandem, der nunmehr, verzichtend auf alles, was ihn auf die Suche geschickt hat, nur noch im Akte allein seine vorübergehende Befriedigung sucht. Im Sexuellen spielt das Vorstellungsleben eine sehr starke Rolle. Je weiter sich diese Sphäre von der Fortpflanzung, vom Zeugen von Nachkommenschaft, von ihrer biologischen Funktion entfernt, umso mehr beschäftigt sie das Vorstellungsleben, umso mehr bildet sich um sie herum eine Welt der Selbstzwecke. Dies trifft für jeden Genußbereich zu. Es entsteht eine Welt von Gewohnheiten, auch sozialen Formen, und um diese herum eine Reihe von Industriezweigen, die den sozialen Formen dienen. Die Vorstellungswelt wird in dieser Richtung von der Werbung, von Filmen, Theaterstücken, Literatur und Pseudo-Literatur dauernd angesprochen und angeregt. Wenn der »normale« Mensch die Empfindung hat, er sei nicht frei in seinem Willensleben, dann macht er die Erfahrung der Unfreiheit sicherlich auf diesem Gebiet. Diese Erfahrung trägt viel dazu bei, daß der Mensch sich als Mensch aufgibt. Die Versuche, dieses Lebensgebiet von den erwähnten Gefahren durch Heiligung, durch Sakramente [f] zu schützen, die in jeder Zeitepoche, in jeder Kultur von den Religionen unternommen wurden, haben heute kaum eine Wirkung.
Wir haben im Sexuellen die ausgeprägteste und am meisten hervortretende Form einer Gewohnheitssphäre, die in ihren Motiven und Triebkräften aus dem Unterbewußten herrührt. Jede Begründung, die diesen Trieb aus dem Biologischen zu erklären versucht, ist irreführend. Nicht das Biologische, sondern das Seelische ist ihre Quelle, wie auch die aller »Wünsche«; das Biologische ist des Genießens selber so unfähig wie eine Pflanze und wird nur als Mittel zum Genuß benutzt.
Georg Kühlewind
aus «Vom Normalen zum Gesunden»; S.151f
W.W.: Was ist die Natur der Sexualität? Welche Kräfte leben in ihr?
Henning Köhler: Ich möchte das bildhaft beantworten, aber real-bildhaft, anknüpfend an eine Aussage , die ich bei Rudolf Steiner fand: Sexualität ist Sonnenkraft. Das heißt auf der körperlich-triebhaften Ebene: vulkanische Kraft. Indem wir das Vulkanische betonen, sprechen wir von der Sexualität als reiner Naturkraft.
Tritt das Sexuelle im Seelischen als verfeinertes Begehren auf, ist es mit vulkanischer Energie [g] nur unzureichend beschrieben. Sonnenkraft umfaßt ja drei Qualitäten: Licht, Wärme und Feuer. Licht steht für Bewußtsein, Wärme für das Seelische, Feuer für den Willen. In dieser Dreiheit repräsentiert Sexualität zunächst den Feueraspekt. Feuer ist ein Element, das in sich Zerstörung, Reinigung und Erneuerung vereinigt [h]. Zerstörung als das, was vordergründig geschieht, bezogen auf die Vergangenheit. (Feuer „verzehrt” das Gewordene, die Materie.) Reinigung („Katharsis”) als das, was im Zerstörungsvorgang den Boden für etwas wirklich Neues bereitet: der Gegenwartsaspekt. Erneuerung insofern, als gewissermaßen Zukünftiges sich schon in dem Vorgang andeutet wie eine Verheißung. Das Verbrauchte wird vernichtet, um die Bedingungen für neues Wachstum zu schaffen. Man kann hier z.B. an Brandrodungen denken: Es ist ökologisch sinnvoll, Wälder zu verbrennen, damit sie wieder üppig aufsprießen - ein Bild für die Heraklit'sche Imagination [i] vom ewigen Werden und Vergehen. In allem, was der Genius des Feuers anrichtet, wirkt also ein Element des Zerstörerischen, aber in der Finalperspektive entsteht Offenheit für Zukünftiges. Es ist ja schon viel darüber sinniert worden, warum Sexualität, auch wenn sie in Liebe geschieht, etwas beinhaltet, das zum Gewalttätigen tendiert, aber eben doch nicht im profanen Sinne Gewalt ist. Vielleicht bieten die Bilder, die ich hier skizziere, eine Verständnishilfe.
Beim Sexualakt verbindet sich der vulkanische Trieb, Erstarrtes aufzuschmelzen, Gewordenes zu vernichten, die in der Dingwelt gegebenen Grenzen und Ordnungen zu sprengen, mit dem Fortpflanzungstrieb bzw. dem Trieb nach Vereinigung, Einswerdung, in welchem das untergründige Motiv wirkt, neues Leben zu zeugen. Wobei aus anthroposophischer Sicht hinzuzufügen ist: neues Leben zu empfangen. Durch die Vereinigung des unter „normalen” Umständen Unvereinbaren (Mann/Frau) entsteht eine Öffnung, ein Tor, und durch dieses Tor „stürmt ein Schicksal herein”, wie der Psychoanalytiker James Hillman das Empfängnisgeschehen einmal umschrieben hat. Wir betreten den Geheimnisbezirk. Erzeugen und Empfangen fallen hier in eins. Aber fällt beides nicht eigentlich immer in eins? Jeder Neuschöpfungsprozeß, der den Namen verdient, ist Zeugung und Empfängnis zugleich, und immer spielen dabei jene beiden Kraftströme zusammen. Im Künstlerischen geschieht das allerdings auf einer anderen Ebene: Hier findet der Parallelprozeß - Auflösung vorgefundener Formen, Vereinigung der Gegensätze zur Ermöglichung der Herabkunft einer nie dagewesenen Gestalt - in ein und derselben Person als geistig-seelisches Ereignis statt: als chymische Hochzeit des Menschen mit sich selbst.
Das klingt jetzt vielleicht alles sehr stilisiert, aber es geht ja eben darum, sich einer „anthropoetischen” (Peter Sloterdijk) Ausdrucksweise für eigentlich Unsagbares zu nähern. Wir sprechen von tief unbewußten Vorgängen. Wenn zwei miteinander schlafen, denken sie selbstredend nicht an solche Dinge, und das ist auch gut so, denn sie sollten nach Möglichkeit an gar nichts denken und einfach nur genießen.
Man könnte einwenden, die Sache mit der vulkanischen Kraft entspringe doch wohl einer einseitig maskulinen Sicht auf das Sexuelle. Nun, wenn wir Männer uns hier mal nicht traditionell täuschen! Ich würde diesen vulkanischen Charakter durchaus auch der weiblichen Sexualität zuschreiben, vorausgesetzt, sie darf sich entfalten. Wenn wir mit Bezug auf die menschliche Sexualität von einer Sonnenkraft sprechen, so kommt aber, wie schon angedeutet, mehr als nur der Feuer-Aspekt in Betracht, und diesbezüglich können Männer von Frauen viel lernen. Frauen, so scheint mir, sind hier einfach kompletter. Männer neigen stärker dazu, Eros und Sexualität auseinanderzureißen.
Sexualität im Tierreich ist weitgehend auf das Triebhafte beschränkt. Es gibt Paarungsrituale, aber darin etwas dem humanen Eros Gleichartiges zu sehen, wäre ein unerlaubter Anthropomorphismus [k]. Tiere gehorchen naturgegebenen Verhaltensmustern. Sie paaren sich nicht aus Liebe, sondern weil der Arterhaltungsinstinkt es ihnen gebietet. Beim Menschen verhält sich das, zumindest der Möglichkeit nach, anders. Hier kommt dem Wärme-Element (als Seelenwärme) eine große Bedeutung zu. Und dem Licht-Aspekt, dem Geistigen in seiner reinsten Form: Aufmerksamkeit. Das Willensfeuer der Sexualität verändert seinen Charakter, wenn es von Seelenwärme durchdrungen und von dem Licht der Aufmerksamkeit überstrahlt wird. Aufmerksamkeit und Hingabe verwandeln, man könnte sagen: erlösen den Sexus. Jetzt sind wir beim Thema Vermenschlichung der Sexualität. Erst auf der menschlichen Stufe ist Sexualität im umfänglichsten Sinne Sonnenkraft. Das Feuer des Begehrens, dem immer jene untergründige Zerstörungstendenz innewohnt, die Wärme der vertrauensvollen Hingabe und das Licht der Aufmerksamkeit verbinden sich. Dadurch werden die zerstörerischen Kräfte integriert. Sie äußern sich nun anders, nehmen etwa den Charakter einer fordernden Ungeduld an, durch die sich der, dem sie gilt, als Mensch (nicht nur als Sexualobjekt) begehrenswert fühlen darf. Und das ist bekanntlich ein erhebendes Gefühl.
aus «Flensburger Heft 106»; S.38ff
W.W.: Also gibt es unabhängig von diesem Engel auch noch ein Wesen der Sexualität?
Maria Hölzer: Nein, denn das Wesen hat sich verwandelt. Dieser Engel der Fürsorge und der Sexualität ermöglicht, daß wir Menschen überhaupt Sexualität empfinden können, auch im Seelischen. Er schafft die Voraussetzungen der reinen Sexualität, die im Grunde innigste Fürsorge und Liebe füreinander sein soll. Wenn sich dann in unserer Seele etwas verselbständigt, z.B. die Vergewaltigung eines Kindes, so ist dies das negative Wesenhafte, das Gegenteil von dem reinen Sinn der Sexualität. Das kommt nicht von ihm.
[...]
Wenn ein Mensch einen anderen vergewaltigt, so leidet das wahre Ich dieses Menschen eigentlich an dieser Tat, auch wenn der jeweilige Mensch davon kein Bewußtsein hat. In bezug auf den Engel der Sexualität war es so, daß dieser Engel uns zeigen wollte, daß hinter der Sexualität eigentlich die Fürsorge steht, und er hat mir die Wesenheit des Dunklen gezeigt, die wir alle kennen, mit der wir alle furchtbar ringen. Er zeigte mir, daß die Sexualität noch einen ganz anderen Sinn hat, und zwar den Austausch des inneren Menschseins.
Dieses Wesen der Sexualität möchte den Menschen auch zeigen, daß sich in der Sexualität sehr viel mehr verbirgt, als wir gewöhnlich denken. Was wir einander nicht sagen können, also verschweigen, hindert uns oft daran, uns mit dem Menschen, den wir lieben, ganz zu verbinden. Aber geben wir Vertrauen, so bekommen wir meistens Vertrauen zurück [l]. Die körperliche Befriedigung ist das eine, es gehört aber auch eine seelische und geistige Verbindung dazu, und ein Schenken der innigsten Liebe. Wenn man dies alles miteinbezieht, kann man sich innerlich ganz anders wahrnehmen. Dann ist ein Austausch von innerster Wesenhaftigkeit und Licht möglich. Wenn man sich auf allen Ebenen vereint, kann jeder so sein, wie er wirklich ist und kann voll von dem anderen akzeptiert werden. Gleichzeitig aber ist man eine Einheit mit dem anderen.
W.W.: Manche Menschen meinen, geistiges Streben und Sexualität schlössen sich aus. Stimmt das?
M. Hölzer: Nein. Das kann ich nicht bestätigen. Das sind altertümliche Ansichten. Wer wirklich geistig strebt und meditiert, der wird davon nicht behindert, sexuell aktiv zu sein. Deswegen seinen Partner abzuweisen, wäre falsch verstandene Heiligkeit. Es ist immer eine Frage des Wie - wie geht man mit den eigenen Grenzen, mit den eigenen Schattenseiten um; und die Sexualität zeigt uns sehr deutlich unsere Grenzen und Schattenseiten. Ich bin überzeugt davon, daß wir noch nicht so weit sind, die Sexualität abzulegen. Wir haben noch nicht so ein reines und „heiliges” Verhalten erreicht. Also stellt sich eher die Frage, was wir durch sie miteinander lernen und entwickeln können. Und da zeigen sich keine Begrenzungen, sondern im Gegenteil ein unendliches Potential, echte Liebe in allen Schichten zu lernen.
aus «Flensburger Heft 107»; S.118f
Und seither geht es mir gut mit Frauen. Wie Großvater Alexander. Und obwohl ich im Lauf der Jahre ein wenig dazugelernt und mich manchmal auch verbrannt habe, scheinen mir noch heute, wie an jenem Abend in Ornas Zimmer, alle Schlüssel zur Lust im Besitz von Frauen. Den Ausdruck »sie schenkte ihm ihre Gunst« finde ich richtiger und treffender als andere Wendungen. Die Gunst von Frauen löst bei mir, außer Begehren und Bewunderung, auch eine Woge kindlicher Dankbarkeit aus, den Wunsch, mich zu verneigen: Ich bin zu gering, um all diese Wunder zu verdienen. Auch für einen einzigen Tautropfen schon würde ich dir doch voller Staunen und Verehrung danken - und wie erst für dieses weite Meer. Und immer fühle ich mich wie der arme Bettler an der Tür: Eine Frau ist doch immer mächtiger als ich, und nur in ihrer Hand ist es, freigebig zu schenken oder nicht zu schenken.
Und vielleicht ist da auch vager Neid auf die weibliche Sexualität, die so viel reichhaltiger, zarter und vielschichtiger ist, wie die Geige im Vergleich zur Trommel. Oder eine nachklingende frühe Erinnerung aus meinen ersten Lebenstagen: Mutterbrust gegenüber Messer. Als ich zur Welt kam, erwartete mich doch gleich an der Schwelle eine Frau, der ich eben erst einen starken Schmerz verursacht hatte, doch sie vergalt es mir mit gnädiger Zärtlichkeit, vergalt Böses mit Gutem, und reichte mir die Brust. Das Männersgeschlecht dagegen lauerte mir gleich am Eingang auf, das Beschneidungsmesser in der Hand.
Amos Oz
aus «Eine Geschichte von Liebe und Finsternis»; S.714
Wie wir im Einzelnen mit unserer Sexualität umgehen, interessiert die Engel nicht. Aber das Glück und die Innigkeit, die Trauer und der Schmerz, die damit verbunden sein können, bewegt sie.
Andreas Laudert
in »die Drei« 3/2012; S.81
Wir beginnen (zu lernen), die Erde nicht nur zu unterwerfen, zu beherrschen und zu nutzen, sondern uns ihr zuzuwenden, sie zu lieben; mit ihr suchen wir auch ein neues Verhältnis zur eigenen Körperlichkeit und zu der mit ihr untrennbar verbundenen Sexualität. Sexualität entsteht aus einer intensiven Verbindung des Menschen mit der Körperlichkeit, aus der etwas zu uns spricht, das genuin aus den tiefsten Erdenverhältnissen herrührt, sich über die Sinnlichkeit mit unserer Seele verbindet und dort den Geist berühren kann, so zu sich selbst kommt und spricht: «Oh Mensch, erkenne dich selbst!» Sexualität ist in diesem Sinne Teil des großen Mysteriums der Selbsterkenntnis des Menschen und kann heute nicht mehr ausgeschlossen, verdrängt oder beherrscht und (nur) überwunden werden.²
Um so wertvoller wird es, zu beachten, dass um die Sexualität - wie um die Spiritualität - ein natürlicher Schleier aus Intimität [m] gewoben ist. Intimität ist die menschliche Haut des Heiligen. Sie schützt das von ihr Umspannte - Gott oder Erde, Geist oder Leib, Spiritualität oder Sexualität. Entblößt, der Intimität beraubt, werden sie leicht zu Gegenbildern ihrer selbst. Entheiligt zeigen Geist und Leib rasch ihr weniger menschliches Antlitz, etwa Fanatismus oder Pornographie.
Bodo v.Plato
2 Dies gilt allgemein oder historisch, sagt aber nichts über ein individuelles oder biographisches Verhältnis zur Sexualität.
in »das Goetheanum« 33-34·2016; S.15f
Ihre Vielfalt macht das Besondere der menschlichen Sexualität aus. Sie kommt im individuellen Sexualprofil zum Ausdruck. Im Tierreich gibt es da wenig Spielraum, obschon bei manchen Tieren gewisse Unterschiede im Fortpflanzungsverhalten bestehen, sogar homosexuelle Neigungen. Beim Menschen ist der Rahmen jedoch entsprechend weit gesteckt, sodass keine „natürliche” Generalnorm für alle gefordert werden kann, etwas überdies der Evolution widersprechen würde. Ebenso treibt die Kultur auf allen Lebensgebieten eine immer größere Individualisierung voran, wovon die sexuelle kaum ausgenommen bleiben kann.
Das mehrdimensionale Spektrum menschlicher Sexualität lässt keine genaue Grenze zwischen ererbten Anlagen und erworbenen Gewohnheiten ziehen. Da sowohl Natur als auch Kultur daran beteiligt sind, wird erst die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Natur- und Kulturwissenschaften ein vertieftes Verstehen bringen. Die Sexualität des Menschen weist biologische, psychische und soziale Komponenten auf, die miteinander vielfältig verknüpft sind. Nur im jeweiligen Zusammenhang mit den andren kann jede verstanden und der Menschen als bio-psycho-soziales Wesen begriffen werden.
nach «dtv-Atlas Sexualität»; S.11
Unsere Anmerkungen
a] vgl. Mbl.7
b] vgl. Mbl.16
c] zu den Anfängen der Sprache vgl. «GA 11»; S.67f
d] Merke: Verliebtheit sorgt sich, Liebe sorgt.
e] aber auch in national überlagerten Sportwettbewerben wie Fussballweltmeisterschaft oder Schiweltcup
f] oder Tabus
g] vgl. R.STEINER am 11.III.1920 (in «GA 321»; S.172ff)
h] vgl. mit dem Phönix-Motiv
i] vgl. Aphorismus A7
k] vgl. »TzN Jän.2009«
l] Doch darf Vertrauen nicht mit Vertrauensseligkeit verwechselt werden (siehe auch M.WAIS über den Begegnungskonflikt).
m] Robin Schmidt spricht im selben Blatt (S.11) von der „Scham als Hüter”, welche „abfedert, erhebt und vor dieser allzu harten Welt der Trennung von Geist und Leib schützt”.