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Merkblatt-
Beilage 29:
Drache und Schlange
Hans-Werner Schroeder
Alchimistischer Ouroboros Selbst ein Drache kann offenbar seine guten Seiten haben. Erstaunlich jedenfalls sind die Drachen der chinesischen Märchen und Mythen und des chinesischen Kaiserhauses; überall finden wir da zunächst die erfreulichsten Perspektiven.
Das chinesische Kaiserhaus wurde vielfältig mit dem Drachen in Verbindung gebracht; er war nicht nur Ahnherr und Beschützer des kaiserlichen Geschlechts; »der Thron des Kaisers, seine Kleider, seine Hausgeräte - schlechthin alles trug das Bild des schuppigen Ungeheuers. Die Söhne und Prinzen des Kaisers im ersten und zweiten Rang durften dasselbe Emblem [Drache mit fünf Krallen] benützen. Prinzen im dritten und vierten Rang durften einen vierkralligen Drachen verwenden ...« (Hans Egli «Das Schlangensymbol», Olten 1982; S.174f.); der
ehrfürchtigste Titel für den Kaiser war ›der echte Drache‹. Das Wort Drache wurde für alles verwendet, was mit Leben und Stellung des Kaisers zu tun hatte. So war der kaiserliche Thron der ›Drachenthron‹, die Feder des Kaisers der ›Drachenpinsel‹. Man nannte die kaiserliche Tafel, die in jedem Tempel stand, die ›Drachentafel‹« (S.184).
Der chinesische Drache ist vor allem geflügelter, gefiederter Drache, mit dem Luftbereich und dem Regen verbunden. Auch folgende Darstellung findet sich: »Im Frühling steigen sie [die Drachen] in den Himmel auf und kämpfen miteinander in den Wolken, daß es donnert und blitzt. Ihr Atem verwandelt sich in Wolken oder Feuer. Sie sind bald klein wie ein Seidenwurm, bald groß, daß sie Himmel und Erde füllen« (Egli, a.a.O., S.168).³³ Auch mit den Himmelsrichtungen wird der Drache in Zusammenhang gebracht.
Aus dem europäischen Bereich sei folgende Variante eines bulgarischen Märchens angeführt: »Sogleich ging über ihrem Haus eine schwarze Wolke nieder. Da erzitterte und erdröhnte die Wolke und teilte sich in zwei Teile. Aus ihr kam ein feuriger Drache. Hinter ihm flogen Drachenfrauen, alle in goldenen Kutschen, und kleine Drachen, alle auf fuchsfarbenen Pferden« (S.168).
Im allgemeinen nimmt das Drachenbild in den übrigen Teilen der Welt durchaus Züge des Bedrohlichen, Ungeheuren, übermächtig Zerstörerischen an. Unzählige Sagen weisen in diese Richtung. In China aber hat der Drache diese Züge meist noch nicht. Das Chinesentum führt uns in eine urälteste Zeit der Menschheitsentwicklung zurück; es stammt unmittelbar von der Atlantis [a] ab und hat - wie auch die Geschichte zeigt - die »nachatlantische« Entwicklung anderer Völker nur bedingt und zögernd mitgemacht. So spiegeln sich auch in der Drachensymbolik atlantische Züge, die wir von der Schlange her kennen (Egli meint sogar, daß in China Schlange und Drache austauschbar seien, also sich eigentlich noch nicht unterscheiden). Der Drache ist in China noch stark kosmisch orientiert, mit den Elementen des Himmels, vor allem der Wolken und dem Regen, verbunden, wie es den wässrigen Zuständen der Atlantis entspricht.³⁴
Erst später bekommt das Drachenbild immer mehr einen ahrimanischen [b] Charakter; es verwandelt sich damit in das zerstörerische und bedrohliche Untier. Wir können daran ablesen, daß Luzifer [b] die Wirksamkeit Ahrimans nach sich zieht. Luzifer bereitet gleichsam Ahriman das Kampffeld. So geht die mehr luziferische Ausgestaltung des Drachenbildes (die »fliegende Schlange«) in die ahrimanische über. Oft erscheinen dann auch beide Züge in einem Bild vereint.
Das ist auch bei der berühmtesten Drachenerzählung der Fall, bei Michaels [c] Kampf mit dem Drachen aus der Offenbarung des Johannes (Kapitel 12) [d]: »Und es zeigte sich dem schauenden Blick ein erhaben-großes Bild im Geistgebiet: ein Weib, mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen, das Haupt mit der Krone der zwölf Sterne gekrönt. Und sie war schwanger und schrie in den Wehen und Schmerzen des Gebärens.
Und ein zweites Bild erschien im Himmel: Siehe, ein großer, feuerroter Drache mit sieben Häuptern und zehn Hörnern. Auf seinen Häuptern trug er sieben Kronen, und mit seinem Schweife raffte er ein Drittel aller Sterne vom Himmel hinweg und warf sie auf die Erde. Und der Drache stand vor dem Weibe, das im Begriffe war zu gebären, um, wenn sie geboren hätte, ihr Kind zu verschlingen. Und das Weib gebar ihr Kind: einen Sohn. Er soll der Hirte aller Völker sein mit dem ehernen Stabe. Und das Kind des Weibes wurde entrückt zu Gott und an seinen Thron.
Und das Weib floh in die Wüste. Daß sie dorthin gelangen sollte, war im göttlichen Weltenplane vorbestimmt. Dort sollte sie ihr Leben fristen eintausendzweihundertundsechzig Tage lang.
Und es entbrannte ein Streit in der Himmelswelt. Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte inmitten seiner Engel. Aber seine Kraft versagte, und so fand sich für seine Schar im Himmel keine Wirkensstätte mehr. Es ward gestürzt der große Drache, die Schlange vom Urbeginn, die zugleich diabolischer und satanischer Natur ist, der Verführer der ganzen Menschheit. Auf die Erde wurde er gestürzt und alle seine Engel mit ihm.«*
* Übersetzung von Emil Bock, Das Neue Testament, Stuttgart 1980
Das Bild in seiner Dramatik und Größe hat etwas Einmaliges.** Uns interessiert zunächst, daß das Drachenbild hier das Schlangenbild aus der Sündenfall-Erzählung [e] fortführt - der Drache heißt ausdrücklich »die Schlange vom Urbeginn« - und daß Luziferisches und Ahrimanisches sich in einem darstellen: Schlange und Drache, Teufel (Diabolos) und Satan sind miteinander verbunden. Emil Bock übersetzt: »der große Drache, die Schlange vom Urbeginn, die zugleich diabolischer und satanischer Natur ist«. In der feuerroten Farbe kommt das Luziferische des Drachen zum Ausdruck, während seine Häupter und Hörner und der Schlag des Schwanzes in ihrer Härte und Zerstörungskraft den ahrimanischen Charakter zeigen; vielleicht ist das groteske Bild der zehn Kronen auf den sieben Häuptern wieder ein luziferischer Zug.³⁵ Kundalini-Feuer
** siehe dazu Emil Bock, Apokalypse, Stuttgart 1982
Noch ein weiteres wird aus der Schilderung der Offenbarung deutlich, das wir früher schon wie nebenbei erwähnten: Der Drache kämpft »inmitten seiner Engel«. Die Widersacher sind umgeben von Scharen geistiger Wesen höherer und niederer Natur, auch »dämonischer« Art, die ihnen folgen. Wir müssen daher von den beiden Reichen luziferischer und ahrimanischer Mächte sprechen. Luzifer und Ahriman sind gleichsam die Anführer von Scharen des Bösen, deren einzelne Wesen durchaus differenzierte Aufgaben und Wirkungsmöglichkeiten in der Welt haben.
Auch die Drachensymbolik hat mehrere »Schichten«.[f] In China tritt die ursprüngliche Schicht deutlich zutage; sie zeigt noch ganz positive Züge und weist noch - wie es ursprünglich auch beim Schlangensymbol der Fall war - auf die kosmisch-schöpferische Seite des Drachenwesens. Erst später treten die negativen, zerstörerischen Kräfte des Bildes in den Vordergrund. Nun ist der Drache oft als »Lindwurm« an die Erde gebunden: Die zweite und dritte Schicht des Drachen machen sich geltend. Wenn wir den Drachen mit der Schlange vergleichen, fällt uns das Übermaß an Verhärtung in dem Drachenbilde auf: die Klauen und Krallen, die Hörner - oft auf einer Vielzahl von Häuptern -, die Panzerhaut, der Schwanz, dessen Schlag vernichtend ist. Gleichzeitig weist das Drachenbild nicht nur eine Steigerung der Verhärtung und Schwere, sondern auch eine Steigerung an Gewalt und Wucht im Vergleich mit der Schlange auf, schon rein der äußeren Größe und Kraft nach; die Steigerung liegt aber auch in der Tatsache, daß die Drachenköpfe oft mit ungeheurer Schnelligkeit nachwachsen können: Ein Übermaß an Lebens- und Reproduktionskraft ist mit dem Drachen verbunden.
Ahriman ist gewaltiger als Luzifer. Das spricht sich deutlich in den gerade erwähnten Einzelzügen des Drachenbildes aus.
Wir haben gesehen, daß - der Natur der imaginativen Welt entsprechend - Schlange und Drache als Bilder auch ineinander übergehen können. Man kann sagen: Manchmal sind die Wirkungen der beiden Mächte schwer zu unterscheiden; oder sie wirken zusammen.
Wenn der Drache mehr schlangenhafte Züge hat, tritt Luzifer mit seiner Kraft in den Vordergrund; die ahrimanische Wirksamkeit klingt nur mit und beginnt sich erst zu entfalten. Oft aber hat der Drache auch rein ahrimanischen Charakter.
S.83-88
33 Diese Darstellung erinnert an Schilderungen Rudolf Steiners, daß im Frühling gewisse Naturwesen aus der Erde aufsteigen und sich mit der Atmosphäre verbinden; dabei spielen auch luziferische und ahrimanische Prozesse eine Rolle. Siehe: Rudolf Steiner, Der Jahreskreislauf als Atmungsvorgang der Erde und die vier großen Festeszeiten, Bibl.-Nr.223, Dornach 1966, und: Das Miterleben des Jahreslaufes in vier kosmischen Imaginationen, Bibl.-Nr.229, Dornach 1966, Vortrag vom 7.10.1923.
34 Zu China und Atlantis vgl.: Rudolf Steiner, Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhang mit der germanisch-nordischen Mythologie, Bibl.-Nr.121, Dornach 1962, 10.Vortrag. - Wolfram Eberhard, Lexikon chinesischer Symbole. Geheime Sinnbilder in Kunst und Literatur, Leben und Denken der Chinesen, Köln 1983, S.61ff.: »Der Drache ist eins der vielschichtigsten Symbole Chinas, in ihm kommen die verschiedensten mythologischen und kosmologischen Vorstellungen zusammen: unter dem Begriff Drache werden ganz unterschiedliche Wesen zusammengefaßt. Im Vergleich zur europäischen Mythologie ist der Drache ein gutartiges Tier-Sinnbild der männlichen, zeugenden Naturkraft (yang).[g] Seit der Han-Zeit (206v.Chr.-220n.Chr.) ist er zugleich Sinnbild des Kaisers oder Himmelssohnes. Er ist das erste der ›360 Schuppentiere‹ ... und das fünfte Tier des chinesischen Tierkreises. Als eines der vier Tiere der Weltrichtungen steht er im Osten, der Richtung des Sonnenaufgangs, des Zeugens, des Frühlingregens und des Regens allgemein. Hier wird er blaugrüner Drache (ch'ing-lung) genannt, und sein Widerpart ist der weiße Tiger (po-hu), Herrscher über den Westen und den Tod.
In diesem vegetativen Zusammenhang dachten sich die Alten den Drachen im Winter unter der Erde; aber am 2.Tag des 2.chinesischen Monats steige er aus der Erde in den Himmel empor, was den ersten Donner und den ersten Regen hervorrufe; danach können in Nordchina die Felder bestellt werden. Noch heute feiert die chinesische Gemeinde in Marysville (Kalifornien) an diesem Tag ein großes Drachenfest; Feuerwerkskörper, den Drachen symbolisierend, werden gezündet, und wer ein Stück wiederfindet, hat im kommenden Jahr Glück.
Als Wundertier kann sich der Drache klein machen wie eine Seidenraupe und so groß, daß er den Raum zwischen Himmel und Erde füllt. Nach Belieben macht er sich sichtbar und unsichtbar. Am Tag seines Himmelaufstiegs kann man ihn nicht sehen, weil er durch Regenwolken verborgen ist; er reitet selbst auf den Wolken. Auf Bildern sind häufig zwei Drachen dargestellt, die in den Wolken mit einem Ball oder einer Perle (= Donner) spielen - was den Regen verursacht.
Die kosmologische Spekulation unterschied schon früh vier Kategorien: erstens Himmelsdrachen (t'ienlung), die die regenerierende Kraft des Himmels symbolisieren; zweitens Geisterdrachen (shen-lung), die den Regen fallen lassen; drittens Erddrachen (ti-lung), die Herrscher über Quellen und Flußläufe, und viertens Schatzhüter (fu-tsang-lung). Außerdem entwickelte sich die Vorstellung von vier Drachenkönigen (lung-wang), deren jeder über eines der vier die Erde umgebenden Meere wacht.
In der Volkstradition spielen vor allem diese ›Meeresdrachen‹ eine große Rolle; der Meeresdrachenkönig besitzt einen prächtigen, mit vielen Kostbarkeiten angefüllten Palast. Glückskinder besuchen ihn dort unter dem Meer, mitunter erlangen sie eine Drachentochter zur Frau.
In Mittelchina führten die Männer zu Neujahr einen Drachentanz auf; ein ähnlicher Tanz wird als Heiratszeremonie zu dem Augenblick aufgeführt, wenn das junge Paar die Feier verläßt und sich ins Brautgemach zurückzieht. In dieser Szene des Tanzes wird angedeutet, wie ein Paar sich küßt.
Der Glaube, daß eine Frau einen - oder auch mehrere - Drachen gebiert, war weit verbreitet. In vielen Ortsnamen kommt der Drache vor, als ›Drachenmutter‹, ›Drachensee‹ o.ä.; die Stadt Kowloon (Chiu-lung in Mandarin) ist die ›Stadt der neun Drachen‹.
Die Zahl der Neun wird dem Drache besonders gern zugemessen, symbolisiert sie doch die potentielle männliche Kraft (3 mal 3). So lautet ein weitverbreiteter Segensspruch: i lung chiu tzu, ko tzu pieh, ›der Drache hat neun Söhne, jeder von anderer Art‹ - ein Kindersegen, den man Jungvermählten wünscht. Es gibt unendlich viele Formen von Drachen; im allgemeinen wird er mit einem schlangenähnlichen Leib dargestellt, doch mit Füßen und Tatzen; seine Haut ist geschuppt, seine Hörner oft wie die eines Hirsches,[h] sein Ohr eher das eines Rinds.
Drachen-Boote sind schmale, lange Boote, mit Drachenmustern verziert;[i] sie werden in Südchina bei einem Fest am 5.Tag des 5.Monats zu Wettrennen benutzt. Wenn dabei ein Mann ins Wasser fiel und ertrank (wenige Chinesen konnten in der alten Zeit schwimmen), so galt dies als erwünschtes Opfer an den Fluß-Drachengott, der daraufhin Fruchtbarkeit spendet.
›Drachenklauen‹: die zeremoniellen Kleider der Oberklasse unterschieden sich durch die Anzahl der Klauen, die die dargestellten Drachen hatten; des Kaisers Gewand durfte Drachen mit fünf Klauen zeigen, das von Prinzen nur vier, und das von anderen Beamten nur drei.
Drache und Phönix verkörpern die männliche und die weibliche Natur [g] und sind Symbol des Ehepaares.«
35 Interessanterweise hat die Darstellung des Drachensturzes auch bei Rudolf Steiner ambivalente Züge; es handelt sich danach sowohl um ahrimanische als auch um luziferische Wesen, die gestürzt werden. Dazu: Die Sendung Michaels, Bibl.-Nr.194, Dornach 1962, 2.Vortrag und: Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt - Der Sturz der Geister der Finsternis, Bibl.-Nr.177, Dornach 1966, 9.Vortrag.
aus «Der Mensch und das Böse»
Unsere Anmerkungen
a] vgl. Mbl.7
b] vgl. Mbl.16
c] vgl. Mbl.13 oder Marduk, der die Tiamat (ähnlich Apophis in Ägypten) besiegte - Im Irdischen wiederum bekämpft der heilige Georg den Drachen oder Lindwurm (Tatzelwurm) der Triebhaftigkeit.
d] Apo. 12,1-6
e] Ein anderes Bild der Schlange findet sich im seinem Schwanz nachjagenden Uroboros (für die Dynamik des Tierkreises) oder für das Kundalini oder bei Mosche und Aharon (Exo. 7,8-12), wo es in Zusammenhang mit dem Zentralnervensystem (Rückenmark und Gehirn) steht.
f] Als die Astronomie noch mit der Astrologie verbunden war, wurde zB. der aufgehende Mondknoten Drachenkopf genannt und der untergehende Drachenschwanz (vgl. »TzN Mai 2004«). Beide Knoten bewegen sich übrigens rückläufig der Mondbahn entlang.
g] vgl. H.PFROGNER: Tönen und Tao: letzter Absatz
h] vgl. mit dem keltischen Cernunnos
i] vgl. mit dem altskandinavischen Wikingerlangschiff Drakkar, dessen Bug ein Drachenkopf zierte