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Merkblatt-
Beilage 23:
Ambivalente Forschungsarbeit
Johannes Kiersch
Seiner Herkunft nach katholischer Theologe, hat sich Zander nach seiner Dissertation 1995 über Steiners Reinkarnationsbegriff nun mit Teilen seines Übersichtswerkes ‹Anthroposophie in Deutschland› - gegen massive Widerstände seiner Zunft - an der Berliner Humboldt-Universität habilitiert (‹Goetheanum› Nr.27/2007). Es wird in der wissenschaftlichen Szene als Standardwerk vielfach zitiert werden. Seine Stärken und Schwächen diskutiert Johannes Kiersch.
«Große geistige Veränderungen», schreibt Wilhelm Dilthey,[a] «entspringen aus den Bedingungen eines Zeitalters in ganz verschiedenen Köpfen, und es ist eine platte Ansicht, sie durch Übertragung von einer Person auf die andere ableiten zu wollen.» Dieser Einsicht folgend, entwarf der Altmeister historischer Hermeneutik in seinem ‹Leben Schleiermachers› ein umfassendes Panorama sozialer und kultureller Verhältnisse, vor dem er die Entfaltung einer bedeutenden Gestalt der deutschen Geistesgeschichte verständlich zu machen hoffte.
Unter den Biographen Rudolf Steiners ist bisher Christoph Lindenberg dem Diltheyschen Ansatz am entschiedensten gefolgt.¹ Er hat damit eine Ikone zerstört: das aus dankbarer Verehrung erwachsende Bild vom allwissenden Geisteslehrer. Stattdessen hat Lindenberg den in fortwährender, oft dramatischer Entwicklung befindlichen, immer wieder neu fragenden und neue Anläufe riskierenden Geistsucher sichtbar gemacht, der vom Anspruch auf absolute Wahrheit weit entfernt war.
Minutiöse Rekonstruktion
Allgemeine Aufmerksamkeit erregt nun das neue Werk des Kulturhistorikers Helmut Zander, das den Anspruch erhebt, Lindenberg weit in den Schatten zu stellen und den großen Gegenstand erstmalig nach den strengen Maßstäben wissenschaftlicher Kritik rein historisch darzustellen.[b] Fraglos hat Zander mit einer beeindruckenden Fülle von Material, aus den entlegendsten Quellen zusammengetragen, besonders die Geschichte der verschiedenen theosophischen Vereinigungen in Deutschland minutiös rekonstruiert.
Hilfreich für alle, die sich in die Thematik einarbeiten wollen, sind die einleitenden Ausführungen zur Forschungsgeschichte, besonders die treffsicher kommentierten Auswahlbibliographien zur Geschichte der Esoterik (nach neuestem Stand), zur Theosophie als internationaler Bewegung und zur Theosophie/Anthroposophie in Deutschland. Das Literaturverzeichnis dürfte selbst für erfahrene Steiner-Leser eine Fundgrube sein. Auch sonst trifft man bei genauerer Durchsicht immer wieder auf überraschende Entdeckungen, die das hergebrachte Bild bereichern oder auch modifizieren. Dankbar verfolgt man die vielfachen Hinweise Zanders auf noch offene Forschungsfragen.
Kritiklose Übernahme von Klischees
Weniger überzeugend ist, was Zander über die ‹Tochterbewegungen› der Anthroposophie zusammengetragen hat. Hier hat er manches problematische Klischee aus der Sekundärliteratur kritiklos übernommen: Klaus Pranges Behauptung zum Beispiel, dass die Entwicklungspsychologie der Waldorfpädagogik auf Johann Friedrich Herbart [c] und seine Schüler zurückzuführen sei, die Meinung, dass es sich bei Steiners Eurythmie um eine Variante des zeitgenössischen Ausdruckstanzes gehandelt habe oder beim ‹organischen› Baustil um eine Variante des Jugendstils.
Mancher Beleg, den Zander zur Sicherung solcher Klischees hinzuträgt, wirkt geradezu erheiternd, etwa die Herleitung der Formen eines der bekannten Planetensiegel Steiners aus Quallen-Bildern in Ernst Haeckels ‹Kunstformen der Natur›.[d] Da haben schon die älteren grundlegenden Darstellungen von Hagen Biesantz und Michael Bockemühl (zur Architektur) oder neuerdings die akribischen Studien von Roland Halfen (zum graphischen und malerischen Werk Steiners) ein weitaus höheres professionelles Niveau erreicht.
Es ist zu hoffen, dass sich Spezialisten der einzelnen Fachgebiete mit den von Zander aufgestellten Behauptungen im Einzelnen auseinandersetzen. Ich konzentriere mich hier auf ein forschungsmethodisches Grundsatzproblem, das vom verdienstvollen Werk Zanders aufgeworfen, von ihm selbst aber nicht hinreichend beleuchtet wird.
Wer als Anthroposoph die beiden umfangreichen Bände studiert, wird sich immer wieder irritiert fühlen durch den hämischen Ton, in welchem Zander die dargestellten Ereignisse kommentiert, soweit die Person Steiners in Betracht kommt. Nicht etwa nur, dass er dessen widersprüchliche Aussagen problematisiert, opportunistische Manöver (die sich bei dem Pragmatiker und Tatmenschen Rudolf Steiner natürlich leicht entdecken lassen) oder ideelle Kehrtwendungen kritisch beleuchtet - hier schwingt noch mehr mit.
Das Genie Steiners wird eliminiert
Geradezu leidenschaftlich unterstellt Zander dem Begründer der Anthroposophie bei jeder sich nur bietenden Gelegenheit ein ethisch defizitäres Verhalten. Man kann verstehen, dass er auf diese Weise, mit entspannt lockerer Attitüde, den Mythos vom allwissenden und in jeder Hinsicht unangreifbar vollkommenen Menschheitsführer demontieren will. Aber ist das alles? Zunächst einmal sucht der neugierige Leser vergeblich nach irgendeinem Anhaltspunkt dafür, dass sich hinter den auch von Zander keineswegs kleingeredeten Kulturwirkungen des Steinerschen Lebenswerks in irgendeiner Form die produktive Stelle zeigen könnte, von der diese Wirkungen doch herkommen müssen. Der prägnante Mensch, den man doch ganz selbstverständlich hinter jeder nachhaltig wirksamen geistigen Strömung erwartet, taucht bei Zander an keiner Stelle auf. Stattdessen geistert durch sein weitläufiges Werk ein diffuser Schatten, ein bemitleidenswertes, von Unsicherheit und Ehrgeiz getriebenes, moralisch labiles Unglückshuhn, von dem völlig unerfindlich bleibt, wie es die Kraft und die Kompetenz gehabt haben soll, eine solche Strömung zu inaugurieren. Zander hat das Kunststück fertiggebracht, aus seiner Darstellung der Dinge das Genie Rudolf Steiner vollständig zu eliminieren.
Dieses für einen gebildeten, sensiblen Kulturhistoriker mit weitem Horizont einigermaßen erstaunliche Resultat hat einen einfachen Grund. Zander unterstellt a priori, was die Positivisten unter seinen Zunftgenossen schon immer für selbstverständlich gehalten haben: dass es ‹übersinnliche› Erfahrungen oder gar eine Wissenschaft davon nicht wirklich geben könne.[e] Alle Aussagen Steiners über ‹höhere Welten› sind deshalb für ihn nichts als ideologischer ‹Überbau›. (Interessanterweise taucht dieser marxistische Terminus bei Zander immer wieder auf.)
Nun ist natürlich nichts dagegen einzuwenden, dass jemand vermutet oder behauptet, Steiners übersinnliche ‹Erfahrungen› seien nichts als phantasievoll umgeformte Lesefrüchte aus Helena Petrovna Blavatsky, Charles Webster Leadbeater [f] oder anderen theosophischen Autoren oder verwandter Literatur. Wer das aber einwandfrei beweisen will, hat die wissenschaftliche Pflicht, zu berücksichtigen, was Steiner in jahrzehntelanger Bemühung als eine Erkenntnispsychologie des übersinnlichen Wahrnehmens oder - wie er selbst es in ‹Die Stufen der höheren Erkenntnis› (GA 12) nennt - eine ‹Erkenntnislehre der Geheimwissenschaft› ausgearbeit hat.
Steiners Methodenlehre unbeachtet
Versetzen wir uns für einen Moment in Steiners Situation, als er Ende April 1902 aufgefordert wird, Generalsekretär der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft zu werden. Endlich sieht er die Chance vor sich, anderen Menschen mitzuteilen, was er seit seiner Kindheit übersinnlich geschaut hat und was ihm seit seinem sechsunddreißigsten Lebensjahr, als er systematisch im anthroposophischen Sinne zu meditieren begann, in bedrängender Fülle an inneren Bildern neu zugewachsen ist. Im intimen Milieu theosophischer Gruppen erzählt er dann zunächst von seinen übersinnlichen Schauungen und teilt für den Leserkreis seiner theosophischen Zeitschrift einiges davon auch in schriftlicher Form mit.² Gleichzeitig versucht er schrittweise, das Geschaute begrifflich zu durchdringen: in seinen Büchern ‹Theosophie› (GA 9) und in der ‹Geheimwissenschaft im Umriss› (GA 13). Vor allem aber entwickelt er eine dementsprechende Methodenlehre. Im Jahre 1911 ist er soweit, das im Einzelnen Ausgearbeitete vor einem akademischen Forum öffentlich vertreten zu können: auf dem vierten internationalen Philosophen-Kongress in Bologna. 1917 folgt dann mit ‹Von Seelenrätseln› (GA 21) eine bahnbrechende Beschreibung des Verhältnisses von üblicher empirischer Forschung (‹Anthropologie›) und übersinnlicher Geistesforschung (‹Anthroposophie›), die der stufenweise errungenen Methodenlehre einen wissenschaftstheoretischen Rahmen und eine noch detailliertere psychologische Fundierung gibt.
Dieser gesamte Zusammenhang bleibt bei Zander, als Bestandteil des wesenlosen ‹Überbaus›, völlig unterbelichtet. Der zentral wichtige Bologna-Vortrag wird nicht einmal erwähnt, geschweige denn diskutiert. Damit stehen für gewichtige Fehlinterpretationen alle Türen offen.
Stilisierung als Führergestalt
In der zu erwartenden Diskussion und vor allem für Gegner der Anthroposophie, die sich bei Zander bedienen können,[g] werden zwei Punkte eine betonte Rolle spielen: zum einen Steiner vermeintlicher Anspruch auf esoterisch begründete Autorität und damit sein Verhältnis zum demokratischen Rechtsstaat, zum anderen seine Beziehungen zu den Theosophen.
Zunächst zum zweiten Punkt. Zander sucht nachzuweisen, dass Steiner zu Beginn seines im engeren Sinne anthroposophischen Wirkens zur Theosophie ‹konvertiert› und dann auch weiterhin im Wesentlichen Theosoph geblieben sei. Nun hatte die Theosophische Gesellschaft in Deutschland im Oktober 1903 - ein Jahr nachdem Steiner dort Generalsekretär wurde - nur 130 Mitglieder.³ Bis März 1912 hatte Steiner durch seine Schriften und eine unermüdliche Vortragstätigkeit die Mitgliederzahl auf 2318 Personen gesteigert,⁴ überwiegend Menschen, die primär nicht an der theosophischen Tradition, sondern an den Originalideen Steiners interessiert waren und deshalb bei der Trennung ihm und nicht den verbleibenden anderen Funktionären folgten. Mehr als 2500 Menschen gingen mit Steiner, 218 blieben zurück.⁵ Wackelt da nicht bei Zanders Interpretation des Sachverhalts der Schwanz mit dem Hund? Bemerkenswert ist dabei auch, dass Steiner schon zu Beginn seiner theosophischen Tätigkeit in Berlin von England aus, besonders durch den immer gut informierten Bertram Keightley, als bedeutender spiritueller Lehrer mit ganz eigenem Profil wahrgenommen wurde.⁶ Die beiden Pioniere der Anthroposophie in Großbritannien, Herbert Heywood-Smith und Harry Collison, fühlten sich noch während des Ersten Weltkriegs als Mitglieder der Berliner ‹Loge›. Das hätten sie nicht getan, wenn Steiner nur ein belangloses Anhängsel der Besant-Strömung gewesen wäre.[h]
Erst recht problematisch erscheint der andere Punkt. Zander will nachweisen, dass Steiner kein aufrechter Demokrat gewesen sei.[i] Hinter seiner ‹Dreigliederung des sozialen Organismus› verberge sich der Versuch, die alte platonische Idee von der Herrschaft der Philosophenkönige wieder einzuführen, und das auch noch mit überhöhter Legitimation aus der jeder rationalen Kritik enthobenen Arkansphäre der anthroposophischen Esoterik.
Verkennen der Bedeutung des Ich
Hier sei nur bemerkt, dass Zander im Hinblick auf die soziale Dreigliederungslehre Steiners den entscheidenden Ansatz beim Ich des Menschen völlig verkennt. Es geht Steiner nicht um die dreigliedrige Rekonstruktion eines Ständestaates, dessen Subsystemen die Individuen zugeordnet werden, sondern um die freie Tätigkeit eines jeden individuellen Menschen in allen drei Funktionsbereichen des sozialen Organismus.
Aus der Stuttgarter Situation des Jahres 1919 heraus hat sich Steiner vorwiegend über die problematische Dominanz des Rechts- und des Wirtschaftslebens geäußert. Er beschreibt aber auch deutlich die Gefahren einer Übermacht des Geistes- und Kulturlebens und bezeichnet sie drastisch als ‹Bolschewismus›: die fehlgeleitete Macht einer Ideologie, die das Rechts- und das Wirtschaftsleben ruiniert.⁷
Wer sich von Zanders reichlich verworrener Darstellung auf diesem Feld erholen will, lese noch einmal die meisterhaft klare historische Studie von Albert Schmelzer über die Stuttgarter Dreigliederungskampagne des Jahres 1919, die Zander nicht zu kennen scheint.⁸
Man sieht: Zander braucht den ‹Theosophen› Steiner, um den ‹antidemoktatischen› Steiner zu entlarven. Überzeugend gelungen ist ihm das nicht.[k]
Es wird wohl damit zu rechnen sein, dass historisch-kritische Forschung von ‹außen› und Forschung aus der anthroposophischen Binnenperspektive noch längere Zeit nebeneinander her gehen werden, ehe sie produktiv ineinander greifen.
¹ Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner. Eine Biographie, Stuttgart 1997.
² Charakteristisch hierfür besonders Aus der Akasha-Chronik (GA 11).
³ Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner. Eine Chronik, Stuttgart 1997, S.211.
⁴ Zander in Anthroposophie in Deutschland, Göttingen 2007, S.354.
⁵ Ebd., S.349.
⁶ Chrispian Villeneuve: Rudolf Steiner in Britain, Forest Row 2004.
⁷ Vorträge vom 2. und 16. März 1919 in Die soziale Frage als Bewusstseinsfrage (GA 189) und vom 9.März 1919 in Der innere Aspekt des sozialen Rätsels (GA 193). Ähnlich im Vortrag vom 14.Oktober 1921 in Anthroposophie, soziale Dreigliederung und Redekunst (GA 339).
⁸ Albert Schmelzer: Die Dreigliederungsbewegung 1919. Rudolf Steiners Einsatz für den Selbstverwaltungsimpuls, Stuttgart 1991.
in »das Goetheanum« Nr.33/34·2007
Unsere Anmerkungen
a] Dilthey war Historiker und bedeutender Hermeneutiker (wissenschaftlicher Ausleger und Erklärer von Texten).
b] Der vermeintlich seinem Fach verpflichtete, „katholische” Historiker Zander hatte sich in bereits in seinem Werk «Geschichte der Seelenwanderung in Europa» ideologisch und damit in seiner Kritik höchst einseitig festgelegt. Auch Tanja Neuvians stellt am Schluss ihrer Besprechung von Zanders 2011 erschienenen Steiner-Biographie fest: „Es will allerdings nicht zum historisch-wissenschaftlichen Anspruch des Autors passen, dass er ausgesprochen tendenziös schreibt und ein wenig objektives Bild liefert.” (»Spektrum der Wissenschaft« 9/2011; S.96) - siehe auch Zitate Zauber.
c] Herbart knüpfte philosophisch an die Monadenlehre von Leibniz an, erziehungspsychologisch an die Erfahrungen Pestalozzis.
d] Wahr ist lediglich, dass Rudolf Steiner Haeckel als Naturforscher schätzte.
e] Dies wird aus dem simplen Grund geleugnet, weil die Herrschaften zu bequem sind, das gewiss mühsame Studium übersinnlicher Erfahrungen aufzunehmen und diese in Erkenntnisse zu giessen. Ähnlich könnten sie teilchen- oder quantenphysikalische Ergebnisse leugnen, die ebenfalls schwierig zu studieren und verstehen sind; allerdings würde ihnen dann das Hohngelächter der Physiker entgegenschallen.
f] Leadbeater war ein recht eigenwilliger Schüler von Madame Blavatsky, welche 1875 zusammen mit Colonel Olcott die Theosophische Gesellschaft gegründet hatte.
g] Sogar in gewöhnlichen Supermärkten sind die Kunden dafür verantwortlich, mit welcher Ware sie sich bedienen, um diese, gerecht bezahlt oder nicht, hinauszutragen und zu verwenden.
h] Annie Besant wurde nach Blavatskys Ableben 1891 gegen Keithley zur Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft gewählt; mit ihr hatte Rudolf Steiner wesentlich zu schaffen, wobei Collison und andere vermittelten.
i] Vorwurf, dem in Zeiten der Aufhetzung der Kulturen gegeneinander ein bedenkliches Gewicht zufällt
k] Denn wo keine Larve aufgesetzt ist, gibt es auch nichts zu entlarven.