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Merkblatt-
Beilage 21:
Ein Aufruf an die Philosophie
Paul K. Feyerabend
Vor mir habe ich ein Dokument, das von Philosophen (zum Beispiel Gadamer, Derrida, Ricoeur, Rorty, Putnam),[a] von Wissenschaftlern (unter anderem Sciama, Prigogine)[b] und führenden Politikern (zum Beispiel dem Präsidenten des europäischen Parlamentes) unterzeichnet worden ist. Es wendet sich an „alle Parlamente und Regierungen der Welt, mit der Bitte, das Studium der Philosophie, ihrer Geschichte und der mit ihr verbundenen Geschichte menschlicher Wissenschaften - von dem intellektuellen Reichtum der Griechen über die großen orientalischen Kulturen bis hin zur Gegenwart - einzuführen, zu fördern und es mit ganzer Anstrengung zu gewährleisten.” Ein solches Studium, so lesen wir, „ist die unabänderliche Voraussetzung für jede wahrhaftige Begegnung zwischen Völkern und Kulturen [c], für das Hervorbringen neuer Kategorien für die Bewältigung bestehender Widersprüche und um in der Lage zu sein, die Menschheit auf den Weg zum Guten zu führen.” „In dieser historischen Entscheidungsstunde”, so schließt das Dokument, „bedürfen wir eines kulturellen und bürgerlichen Bewußtseins. Wir brauchen Philosophie.”
Der Aufruf bezeichnet die Philosophie als „ein ewig wirksames Lebenselixier”. Dabei ist sie gerade das Gegenteil. Die Philosophie ist keine rundherum gute Sache, die dazu bestimmt wäre, die menschliche Existenz zu bereichern. Sie ist ein Hexengebräu, das einige ziemlich todbringende Bestandteile enthält. Zahllose Angriffe auf das Leben, die Freiheit und das Glück haben einen starken philosophischen Hintergrund. Das Aufkommen der Philosophie im Westen [d] oder der alte Streit zwischen Philosophie und Dichtkunst (siehe Platon [e], Politeia 607 b 5f,)[f] ist der älteste und einflußreichste Angriff dieser Art.
Die meisten Intellektuellen glauben, daß die frühen Philosophen uns mit „intellektuellen Schätzen” überhäuft haben. Sie übersehen dabei, daß diese „Schätze” den bereits existierenden Lebensweisen nicht hinzugefügt wurden; es wurde erwartet, daß sie diese verdrängen. Der Knackpunkt ist, daß diese „Schätze” wichtige Bestandteile eines erfüllten Menschenlebens vermissen lassen und daß ihre Entdecker bei der Suche nach Objektivität und Stabilität, die Neigung besaßen, solche Bestandteile außen vor zu lassen.[g] Verglichen mit der Poesie und dem Common Sense ist der philosophische Diskurs unfruchtbar - und gefühlsarm. Er runzelt über die emotionalen Bindungen und die Wechselfälle des menschlichen Lebens die Stirn, was heißt, daß Philosophen das zerstörten, was sie vorfanden, oftmals so, daß die Standartenträger der westlichen Zivilisation einheimische Kulturen und Lebensweisen zerstört und sie durch ihre eigenen, eigenartigen „Schätze” ersetzt haben.
Nach Parmenides [h] „treib(en)” die Menschen oder „die Vielen”, wie er sie etwas verächtlich nennt, „stumm zugleich und blind (dahin ...), ständig in verwirrtes Staunen versetzt, entscheidungsunfähi(g)”, geleitet durch „in viel Erfahrung entwickelte Gewohnheit” (Die Fragmente der Vorsokratiker, Diels-Kranz, Fragmente B 6, 7f., B 7, 3). Ihre Freuden und Leiden, ihre politischen Handlungen, ihre Zuneigung zu ihren Freunden und Kindern, die Versuche, ihr eigenes Leben und das anderer zu verbessern, und ihre Ansichten über die Art solcher Verbesserungen seien Trugbilder. Laut Platon sind die meisten traditionellen Hilfsmittel für die Darstellung und Untersuchung von Erkenntnissen - die Epik, die Tragödie, lyrische Poesie, die Anekdoten, die wissenschaftliche Abhandlung (einschließlich der vielen Einzelinformationen, wie sie in den hippokratischen Schriften gesammelt vorlagen) - entweder fehlerhaft oder täuschend: Sie müssen verändert werden. Die medizinische Praxis zum Beispiel müsse durch eine Theorie geleitet werden, die das erworbene Wissen praktizierender Heilkünstler überwinden könne. In einer geordneten Gesellschaft gibt es für die Künste keinen Platz (siehe Politeia 10). Wir wollen sehen, wie einige der Veränderungen, die durch die Vorlieben Platons angestoßen wurden, einzelne Bereiche der griechischen Gesellschaft beeinflußt haben, zum Beispiel die Moral.
Die frühen Griechen kannten vier grundlegende Tugenden: Mut, Gerechtigkeit, Mitleid und Weisheit.[i] Nach Protagoras [k] (siehe Platon, Protagoras 327 e 1ff.) lernt jemand diese Tugenden, wenn er Griechisch lernt - ohne sich an Spezialisten zu wenden und ohne Lehrer - einfach dadurch, daß er in einer Gemeinschaft aufwächst, die sie vorlebt. Die Erziehung hat die Gemeinschaft im Auge. Die homerischen Epen spiegeln diese Situation wider. Sie definieren keine Beispiele, sie verwenden sie, einschließlich solcher Fälle, die zeigen (ohne daß dies ausdrücklich gesagt würde), unter welchen Umständen eine Tugend sich in ein Laster verkehrt. Diomedes ist mutig (vgl. Ilias 5, 114ff.); sein Mut gerät gelegentlich außer Kontrolle; in diesen Fällen führt er sich wie ein Verrückter auf (vgl. Ilias 5, 330ff., 434ff.). Nicht der Autor, sondern der Zuhörer (oder, heutzutage, der Leser) fällt dieses Urteil und erkennt daran die Grenzen des Mutes. Die Weisheit erfährt eine ähnliche Behandlung. Odysseus handelt oft weise und ausgewogen. Er wird darum gebeten, mit temperamentvollen Berühmtheiten wie Achilles zu sprechen; er wird auf schwierige Missionen geschickt. Aber auch die Weisheit des Odysseus zeigt mitunter ein anderes Gesicht und verwandelt sich in Verschlagenheit und Betrug (vgl. Ilias 23, 726ff.). Solche Einzelbeispiele zeigen, was Mut und Weisheit sind. Sie lassen uns der Vielschichtigkeit von Tugenden bewußt werden. Sie ermutigen uns, die Tugenden durch Ausweitung und Abänderung zu bereichern, entweder in unserer Vorstellungskraft oder durch mutiges und weises Handeln in neuartigen Situationen. Sie nageln die Tugenden nicht fest, sie überlassen es uns, sie zu bewahren oder zu verändern: Beispiele unterrichten uns und ermutigen zur Spontaneität.
So eingeführte Begriffe sind keine platonischen Entitäten, sie sind nicht „objektiv”, das heißt losgelöst von Gegenständen und Traditionen. Begriffe dieser Art sind auf derselben Stufe wie Farbe, Schnelligkeit, Bewegungsanmut, das fachmännische Können bei der Handhabung von Waffen und Wörtern. Sie werden durch die Umstände, unter denen sie aufkommen, beeinflußt, durch Träume, Gefühle, Wünsche. Sie sind keinen rigiden Regeln unterworfen. Die beste Art, solche Begriffe zu erklären, ist die, den Fragesteller in die Praxis eintauchen zu lassen, die diese Begriffe enthält, und ihn darum zu bitten, zu handeln. Der zweitbeste Weg ist, eine offene Liste von Einzelfällen anzugeben. Und Listen spielten in der Tat eine höchst wichtige Rolle im Wachstum des (nah-östlichen, sumerischen, babylonischen, assyrischen, frühgriechischen) Wissens.
Sokrates [l] geht anders vor. Als Erwiderung auf die Behauptung des Protagoras, man könne die Tugenden erlernen, indem man Griechisch lerne, ohne einen Lehrer, einfach indem man in einer bestimmten Gemeinschaft (Tradition) lebe, fragt er (siehe Protagoras 329 b 8ff.), wie die Tugenden sich zueinander und zur Tugend selbst verhielten. Ist Mut ein Teil der Tugend und, falls ja, was bedeutet es dann hier, „ein Teil von etwas” zu sein? Ist er der Kriecherei entgegengesetzt und, falls ja, in welchem Verhältnis steht er zur Weisheit? Impliziert die Tatsache, daß Mut und Weisheit beide „Teile der” Tugend sind, daß sie dasselbe sind und, falls nicht, wie sieht ihr Verhältnis zueinander aus? Dies sind besondere Fragestellungen, die neue und sehr technische Begriffe ankündigen, die selbst keinen Bezug zu den alltäglichen Problemen gewöhnlicher Menschen haben. Sokrates interessiert sich aber nicht nur für solche Begriffe. Er besteht darauf, daß wahre Tugend (oder wahre Erkenntnis, wahre Gerechtigkeit oder wahre Frömmigkeit) nur dann zu erreichen ist, wenn die neuen Begriffe in einem langsam fortschreitenden Prozeß die Tradition ersetzt haben. Da sie klar und geradlinig sind, mangelt es diesen Begriffen an Elastizität, Vielseitigkeit, an emotionalen Aspekten und Vertrautheit der traditionellen Begriffe von Tugend. Da sie eingeführt wurden, um technische Probleme zu lösen, fehlt es den philosophischen Begriffen auch an der Nützlichkeit ihrer Vorgänger. Die Ersetzung wird deshalb das Leben gewöhnlicher Menschen nicht bereichern, sondern es unergiebig und unmenschlich machen. Auch wird sie die Menschen unfrei machen, denn sie wird sie dem gefühllosen, weil „objektiven” Urteil von Experten unterwerfen. So viel zu den „Schätzen”, hervorgebracht durch das Aufkommen der westlichen Philosophie.
Der jüngste Aufruf an „alle Parlamente und Regierungen der Welt” hat ähnliche Nachteile. Er stellt das „Hervorbringen neuer Kategorien für die Bewältigung bestehender Widersprüche und die Fähigkeit, die Menschheit auf den Weg zum Guten zu führen” in den Mittelpunkt. Das mag in den Ohren von Intellektuellen vernünftig klingen, die daran gewohnt sind, Beziehungen in der realen Welt durch Beziehungen zwischen künstlichen Begriffen zu ersetzen. Man bemerke, was darin beschlossen liegt. Die Kategorien werden der „Menschheit” nicht angeboten. Die „Menschheit” wird nicht eingeladen, Überlegungen anzustellen, diese Kategorien vielleicht zu ändern oder abzulehnen. Die Kategorien sollen die Menschheit „führen”, so wie ein Polizist den Verkehr regelt.
Nun ist es klar, daß „Kategorien” selbst überhaupt nichts „führen” können, es sei denn, ihnen wird Macht verliehen, das heißt, wenn sie durch einflußreiche, weltweit agierende Kräfte auferlegt werden. Um Macht zu erlangen, verkehrte Platon mit Tyrannen.[m] der Aufruf fordert „alle Parlamente und Regierungen” dazu auf, „das Studium der Philosophie einzuführen, zu fördern und es mit ganzer Anstrengung zu gewährleisten” - das heißt, Erziehung oder - bedenkt man die Art von regierungsgesteuerter Erziehung - Gehirnwäsche soll das Kunststück vollführen. Was wird die Auswirkung einer Erziehung sein, die auf diesen „neuen” Kategorien basiert?
Es wird angenommen, daß die Kategorien „bestehende Widersprüche” überwinden - die vielen Formen, wie Menschen ihr Leben eingerichtet haben, werden zurechtgestutzt, um den Kategorien [n] zu genügen. Es gibt keine Verhandlungen von Einzelfall zu Einzelfall zwischen den Mitgliedern verschiedener Gesellschaften, durch die manches vom Reichtum der Weltkulturen erhalten bleiben könnte, sondern ein alles beherrschendes System, ausgebrütet von akademischen Spezialisten und „mit ganzer Anstrengung” durch Parlamente und Regierungen unterstützt, soll angeblich den Konflikt beseitigen. Dies ist wieder einmal der Kolonialgeist, aber verschleierter, als es frühere Formen des Kolonialismus waren, durch zuckersüße humanistische Phrasen.[o]
Meine zweite Kritik ist, daß der Aufruf eigennützig ist (Philosophen und Wissenschaftler möchten, daß ihre Themen größere Macht erlangen) und sich in großen Worten und leeren Allgemeinplätzen ergeht. Die wirklichen Probleme unserer Zeit werden nicht einmal berührt. Welches sind diese Probleme? Sie bestehen in Krieg, Gewalt, Hunger, Krankheit und Umweltkatastrophen. Kriegsführende Parteien haben ein wundervolles Instrument gefunden, um „bestehende Widersprüche zu bewältigen”: ethnische Säuberung. Der Aufruf weiß nichts zu diesen Greueltaten zu sagen. In gewisser Weise unterstützt er sie sogar durch seine vorgeschlagene Methode begrifflicher oder kultureller Säuberung. Die Philosophen und Wissenschaftler, die ihn unterzeichnet haben, hätten besser daran getan, eine harsche Verurteilung der Verbrechen und Morde, die in unserer Mitte passieren, herauszugeben, zusammen mit einem Aufruf an alle Regierungen, einzuschreiten und das Töten zu beenden, notfalls mit militärischer Gewalt. Solch eine Verurteilung und ein solcher Aufruf wären verstanden worden. Es hätte gezeigt, daß Philosophen sich um ihre Mitmenschen kümmern. Es hätte gezeigt, daß die Philosophie mehr ist als nur eine selbstverliebte Beschäftigung mit leeren Verallgemeinerungen, daß sie eine moralische und politische Kraft ist, die in Betracht gezogen werden muß. Und es hätte, besser als jedes von einer Regierung geförderte philosophische Programm, die jüngere Generation gelehrt, daß sich das philosophische Studium so manches Mal lohnt.
im Herbst 1993
aus «Die Vernichtung der Vielfalt»
Unsere Anmerkungen
a] Hans-Georg Gadamer, Jacques Derrida, Paul Ricoeur, Richard McKay Rorty, Hilary Putnam
b] Dennis W. Sciama, Ilya Prigogine
c] vgl. »TzN Nov.2003«
d] Hier wird das unausgewogene moderne West-Ost-Schema, das der Mitte entbehrt, unkritisch auf die Antike übertragen. Die Philosophie ist eben nicht „im Westen” aufgekommen, weil es diesen bis Ende des II.Weltkrieges so gar nicht gab.
e] Pláton von Athen
f] siehe auch Heraklits Fragment B 40, 41
g] eben eine dem Typus (vgl. »TzN Mär.2006«) „Mann” entsprechende Vorgangsweise - zur Objektivität vgl. MbLB.E: Anm.54
h] Parmenídes von Elea
i] ἁι ἀρηταί (hai aretaí ~ die Tugenden): ὁ ϑάρσος (ho thársos ~ Mut, Zuversicht), ἡ δικαιοσύνη (he dikaiosýne ~ Gerechtigkeit; Rechtschaffenheit), ἡ συμπάϑεια (he sympátheia ~ Mitgefühl, Mitleid), ἡ σοφία (he sophía ~ Weisheit)
k] Protagóras von Abdera
l] Sókrates von Athen
m] Wenn ein Tyrann (zB. Bokassa, Pinochet oder Saddam Hussein) ausgedient hat, verkehrt man einfach nicht mehr mit ihm und lässt ihn notfalls umbringen.
n] zB. "democracy" oder „freie Marktwirtschaft”
o] ohne Aussicht auf Behandlung der intellektuellen Karies mit ihren charakteristischen Löchern