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Merkblatt-
Beilage 17:
Nur siebzehn Silben
Jan Ulenbrook
Das Haiku der Japaner ist die kürzeste Gedichtform der Weltliteratur, besteht es doch nur aus einer einzigen Strophe von drei Zeilen mit insgesamt siebzehn Silben [a]. Als solches ist es am Anfang des 13. Jahrhunderts entstanden, und zwar aus dem Mijika-uta oder Kurzgedicht, das sino-japanisch auch Tanka [b] genannt wird, und das uns bereits im Manyoshu, einer Sammlung der ältesten Gedichte Japans, in den Versen der Kaiserin Iwahime, die als Gattin des Kaisers Nintoku um 350 gelebt hat, voll ausgeprägt entgegentritt:
Ich aber bleibe
Und werde auf dich warten,
Bis in das Wehen
All meines schwarzen Haares
Der Rauhreif sich gesetzt hat.
Wie ersichtlich, besteht ein solches Tanka aus fünf Verszeilen von insgesamt einunddreißig Silben, wobei sich diese Silben so auf die fünf Verszeilen verteilen, daß die erste und dritte Verszeile je fünf und die zweite, vierte und fünfte je sieben Silben enthalten. Damit ergibt sich für die Gedichtform des klassischen Tankas oder Kurzgedichtes das folgende Aufbauschema: 5+7+5+7+7.
Von diesen fünf Verszeilen bilden nun die ersten drei, und zwar nach dem Schema 5+7+5, die Kami-no-ku oder Oberstrophe von siebzehn Silben, auch Hokku oder Anfangsstrophe genannt; während die beiden letzten Verszeilen, und zwar nach dem Schema 7+7, die Shimo-no-ku oder Unterstrophe von vierzehn Silben abgeben, die auch Matsuku oder Schlußstrophe genannt wird.
Zur Zeit des Kaisers Gotoba (1180-1239) aber begann man damit, neben dem Tanka eine zweite Form der lyrischen Aussage zu schaffen, die sich, indem man die vierzehnsilbige Unterstrophe einfach fortließ, einzig und allein auf die nur siebzehn Silben zählende Oberstrophe des Tankas beschränkte. Damit war nun die Gedichtform des Haiku ins Leben gerufen, wie ein Dreizeiler von Fujiwara-no-Saduiye (1162-1242), dem damaligen Leiter des Hofamtes für Dichtung, zeigt:
Verstreute Blüten
Jagt vor sich her und holt ein
Der jähe Sturmwind!
Obwohl dies Haiku noch nicht das Ausmaß an Tiefe besitzt, das den Dreizeilern späterer Zeiten zu eigen ist, läßt es uns doch im Bilde einer Sturmbö, die eine Schar verwelkter Blüten vor sich hertreibt, etwas von der unaufhaltsamen Vergänglichkeit verspüren, die selbst den blütenreichsten Frühlingstag durchwaltet.[c] Dabei wird diese ganze Stimmung in die nur siebzehn Silben des klassischen Haiku eingefangen, [... d]
In dieser Form der lyrischen Aussage von nur siebzehn Silben wissen nun die japanischen Haiku-Dichter [e] die Stimmung eines Lebensaugenblicks in in einer ähnlich knappen Weise in Worte zu fassen, in der die japanischen Tuschmaler mit einigen wenigen Pinselstrichen in dem sich im Winde beugenden Rohr des Bambus mit seinen flatternden Blättern etwas vom Wesen des Herbstes [f] sichtbar werden lassen. Daß dabei jedes einzelne Wort genau gewogen und gewählt sein will, macht die eigentliche Kunst des Haiku aus, wie sie uns ein Dreizeiler des Haiku-Meisters Bashô (1644-1694), in dem die Japaner den genialen Vollender ihrer Haiku-Dichtung erblicken, offenbart:
Selbst wenn ich spräche,
Die kalten Lippen wären
Nur Wind des Herbstes ...
aus «Haiku - Japanische Dreizeiler»; S.187f
Siebenzehn Silben
öffnen das Tor fürs Gedächt-
nis und seinen Sinn.
Dag Hammarskjöld
Unsere Anmerkungen
a] eigentlich Schriftzeichen, welche Lautbedeutungen ausdrücken (zB. wie das Zeichen do, das aus einem stilisierten Kopf auf einem Fuss gebildet wird und „Weg” bedeutet - vgl. Mbl.17: Anm.1), jedoch als Silben übersetzt werden
b] Das Tanka (nicht zu verwechseln mit dem tibetischen Gebetsteppich gleichen Namens) wurde im Zen gern für ein Kuan (paradoxer Lehrspruch oder -dialog) gebraucht - vgl. Kannst deinen Namen.
c] Daraus kann die persönliche Vergänglichkeit bewusst und so der Blick aufs (eigene) unvergängliche Wesen gelenkt werden.
d] Die Kürze verlangt Konzentration auf das Wesen einer Stimmung oder eines Gedankens. Deshalb eignet sich das Haiku auch besonders dazu, Meditatitionsinhalte zu vermitteln - es kann helfen, aufgrund reinen Empfindens in reines Denken zu gelangen (MblB.18).
e] Dichterinnen gaben sich meist männliche Pseudonyme.
f] Im Unterschied zum abendländischen Gedanken-Dreizeiler lässt das klassische Haiku stets eine Jahreszeit erleben.