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Merkblatt-
Beilage 10:
Geld und Welt
Die Gesamtheit der Bewegungen (Einrichtungen und Maßnahmen) zur planvollen Deckung des menschlichen Bedarfs* nach irdischen Gütern* wird Wirtschaft genannt. Ausgangspunkt für alles Wirtschaften ist die Arbeit* an Grund und Boden. Wo der Mensch in die Welt hineingestaltet, kreist auch Geld.
Jede Hauswirtschaft* für sich war ursprünglich autark, ohne wirtschaftliche Verbindung zur Außenwelt, also selbstversorgend. Obwohl Autarkie [a] de facto nicht mehr erreichbar ist, weil jeder Wirtschaftseinheit etwas fehlt, wird sie dennoch in Teilbereichen angestrebt, staatlicherseits durch protektionistische Maßnahmen, was bis zu Handelskriegen führen kann. Allgemein betreibt die Menschheit heute Weltwirtschaft* mit entsprechend vielschichtiger Vernetzung und wechselseitiger Abhängigkeit der einzelnen Volkswirtschaften* mit deren jeweiliger Infrastruktur*, Das Ganze ist einem Organismus mit seinen Organen vergleichbar.
Die Betriebswirtschaft* strebt danach, die produktiven Faktoren (menschliche Arbeit, Betriebsmittel und Werkstoffe) so zusammenzubringen, daß der Betrieb in seinem Zweig (seiner Branche) wirtschaftlich und gewinnbringend (rentabel) produzieren kann.
Die Nationalökonomie (Volkswirtschaft), die arbeitsteilige Wirtschaftsgemeinschaft einer Nation (eines Staatsvolkes), geht vom ökonomischen Doppelprinzip (nach Adam SMITH [b]) aus, nämlich dem Streben nach möglichst effektivem Erreichen eines gegebenen Zieles bei möglichst geringem Einsatz der vorhandenen Mittel und möglichst hohem Ergebnis bei optimalem Einsatz dieser Mittel.
Eine wesentliche Rolle spielt die Währung* eines Staates, deren Außenwert vom Wechselkurs* ausgedrückt wird. Wirtschaftspolitische Maßnahmen, welche sich an Bruttoinlandprodukt* sowie Bruttonationalprodukt*, am Verbraucherpreisindex* usw. orientieren, streben ökonomisches Gleichgewicht und sozialen Frieden an. Die Kunst besteht darin, immer wieder für einen Interessensausgleich zu sorgen und zu prüfen, ob nicht ein Verzicht heute zu einem Gewinn morgen führt. Das kann stets nur annähernd gelingen, weil diese Ziele divergieren, was sich im Bild eines unregelmäßigen Vielecks begreifen läßt. Bei Beschränkung auf die Hauptziele einer idealen Wirtschaftspolitik läßt sich das „magische Fünfeck” [c] mit folgenden Eckwerten (im Uhrzeigersinn) zeichnen:
> Geldwertstabilität* >
Wirtschaftswachstum >
Verbesserung der Einkommens- und Vermögensverteilung >
außenwirtschaftliches Gleichgewicht >
Vollbeschäftigung >

Real entstehen Zielkonflikte. Viele Staaten versuchen heute zum Beispiel, die Erwerbslosenrate* niedrig zu halten, da die Erfahrungen mit der Weltwirtschaftskrise der Zwanzigerjahre noch lebhaft erinnert werden, doch verringert dies Geldwertstabilität und Wirtschaftswachstum. Die meisten Staaten versuchen in internationalen Währungssystemen wie der Weltbank*gruppe zusammenzuarbeiten und einander zu stützen, allerdings unter den einseitigen Kriterien der westlichen Volkswirtschaften wie etwa der Leistungsbilanz*, welche den Grad des außenwirtschaftlichen Gleichgewichtes eines Staates angibt.
Der Wirtschaftskreislauf, Ausdruck des Bewegens menschlicher Leistung schlechthin, kann vereinfacht wie folgt dargestellt werden:

Schema der Wirtschaftskreisläufe
A ... Ausgabe, K ... Kreditnahme, S ... Sparleistung, St ... Steuerleistung, Z ... Zinsleistung


Steigt in diesem Kreislauf das Warenvolumen einseitig, dann kommt es zur Deflation*, steigt hingegen das Geldvolumen einseitig, dann setzt Inflation* ein.
Die Europäische Zentralbank (EZB*), welche die gesetzlichen Noten und Münzen ausgibt, betreibt (ua. über die Festlegung des Diskont-*, Lombard-* und Mindestreservensatzes*) eine Hartwährungspolitik (harter Euro). Das soll die Inflation eindämmen, eine maßvolle Einkommenspolitik gewährleisten und die Betriebe wegen der Konkurrenz zur Strukturanpassung nötigen. Ein besonderes Mittel der Währungspolitik sind Auf- oder Abwertung*.
Die 23 Staaten der EU (Europäischen Union) strebten eine Wirtschafts- und Währungsunion (WWU mit Euro) an. Die wirtschaftliche Integration baut auf dem Binnenmarkt [d] mit seinen vier Grundfreiheiten* auf. Hauptziel sind unwiderruflich festgelegte Wechselkurse, weiters Regelungen über gemeinsame Außenhandels-, Landwirtschafts- und Wettbewerbspolitik. Den Einheitsbestrebungen im Wirtschaftsleben stehen freilich Sonderungsbestrebungen in Rechts- und Geistesleben gegenüber, insbesondere die wieder aufbrechenden Nationalismen.
Weltweit wird nicht nur mit Rohstoffen und Fertiggütern gehandelt, auch Devisen* und Effekten* werden als Ware geführt. Eine neuere, fragwürdige Tendenz drückt sich im Handel mit Derivaten* aus.[e] Trotzdem kann der globale Geldumsatz als Weltbuchhaltung begriffen werden, die jeden einzelnen in seinem Streben nach Brot* erfaßt.
Wirtschaftliche Bewegungen umspannen den gesamten Planeten und bestimmen jedes einzelne Individuum. Einen Robinson Crusoe wird es nie geben können. Wie die Erde durch Trübung der Lufthülle oder das Netz künstlicher elektromagnetischer Wellen gegen den Kosmos abgeschlossen wird,[f] so droht das Netz undurchschaubarer Wirtschaftskreisläufe ebenfalls die Menschheit in eine Enklave [g] zu treiben. Werden die Zusammenhänge und ihre geistigen Hintergründe jedoch verstanden, darauf immer wieder ins Bewußtsein gehoben, dann wird der Mensch frei, sich der vielfältigen Formen des Eingreifens in die Welt zu bedienen.
für die Arbeitsgruppe Geld des
Columban-Zweiges, Bregenz
Unsere Anmerkungen
a] von griech. η αυτάρκεια (he autárkeia ~ Selbstgenügsamkeit)
b] Adam Smith hat mit seinem Standardwerk «An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations» 1776 die Wirtschaftswissenschaft begründet.
c] „magisch” besagt hier, dass der dargestellte Zustand der Zielkonformität nur durch Zauberei, nie tatsächlich erreicht werden kann, gleichwohl aber fasziniert; „Fünfeck” lässt den Goldenen Schnitt und die (Winkel)Zahl 72 anklingen.
d] EWR (Europäischer Wirtschaftsraum) seit 1.I.1993
e] wie einer breiten Öffentlichkeit 1995 deutlich wurde durch den Zusammenbruch der traditionsreichen britischen Barings Bank, verursacht durch Fehlspekulationen eines Angestellten von Singapur aus in Höhe von 12 Mrd Schilling (872 Mio Euro)
f] John W. Young berichtete etwa, dass sich die Sicht auf den blauen Planeten in den letzten zwanzig Jahren stark verschlechtert habe, als läge ein graubrauner Schleier darüber. Fetzen irdischer Radio- und Fernsehsendungen konnten 1976 bereits in Marsnähe von der Sonde Viking 1 registriert werden, vom Weltraummüll, Myriaden von Trümmern in erdnahen Umlaufbahnen, nicht zu reden.
g] vgl. Mbl.16: Anm.3
Literatur
STEINER, R.: «Die Kernpunkte der sozialen Frage»
STEINER, R.: «GA 340»
STEINER, R.: «GA 341»
ARENDT, H.: «Vita activa»
DE WECK, R.: «Nach der Krise»
GESELL, S.: «Die natürliche Wirtschaftsordnung»
HERRMANNSTORFER, U.: «Scheinmarktwirtschaft»
LIETAER, B.A.: «Mysterium Geld»
SCHILY, O.: «Flora, Fauna und Finanzen»
STIGLITZ, J.: «Im freien Fall»
NORTH, M.: «Von Aktie bis Zoll»
W.WEIRAUCH: «Mehr als Geld»
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