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Merkblatt-
Beilage 7a:
Das Sichtbare lieben
Werner Barfod
Liest man Josef Matthias Hauers Schrift ‹Die Deutung des Melos› und hält mindestens vier der acht Vorträge von Rudolf Steiners Toneurythmiekurs [a] daneben, so ist die Übereinstimmung erstaunlich.
Das ‹a-tonale Melos› Hauers meint zunächst das unhörbar Vorakustische, das musikalisch-universale Leben - und damit das Musikalisch-Wesenhafte, das zwischen den Tönen erlebbar wird. So wie sich eine Tonfolge rhythmisch gliedert, wird sie zur hörbaren a-tonalen Melodie. Dies entspricht vollständig dem, was Rudolf Steiner der eurythmischen Gebärde für das sichtbare Erscheinen der geistigen Gebärde der Musik zugrunde legt. So wird das Intervall, das zwischen den Tönen Bewegte,[b] zur melodischen Bewegungsgebärde in der Eurythmie.
Dazu erfasst Steiner in diesem Zusammenhang die Poesie als musikalisch-plastisch-malerisch, wie ein Melodiöses mit Rhythmus und Takt, und es ergibt sich so die vokalische Konkordanz zur Tonskala in einer Vokalreihe, die Steiner musikalisch durch die Konkordanzlaute zum Klingen bringt in Goethes ‹Nachtlied›.
Ganz unvermittelt greift Steiner durch Hauer angeregt zum TAO [c], einer eurythmischen Meditation für das musikalisch-eurythmische Instrument, um es geschmeidig und innerlich biegsam zu machen, um innere Kraft zu bekommen. Er greift mit dieser TAO-Übung zur chinesischen Kultur zurück, macht daraus aber etwas völlig Neues für unsere Zeit und für die Zukunft.
Für Hauer war das Sichtbarmachen ins Symmetrisch-Plastische der Griechen unerträglich, er war ein ‹Griechenland-Hasser›, und führte das a-tonale Melos ins Zwölftonspiel. Erstaunlich sind daher seine Lieder zu Texten von Friedrich Hölderlin, seine Klavierkompositionen mit Hölderlinzeilen als Überschriften - Hölderlin, der mit seiner Seele in Griechenland weilte![d]
Ja, in der Eurythmie muss man das Sichtbare lieben, wie Steiner einmal sagte, um auch das Unhörbare zur Erscheinung zu bringen.
in »das Goetheanum« 1/2·2008; S.10
Unsere Anmerkungen
a] «GA 278»
b] vgl. MblB.E: Anm.61
c] vgl. H.PFROGNER in «Lebendige Tonwelt»; S.75ff

d] Hölderlin hatte sein poetisches Ego in die griechische Klassik versetzt, bis an den Rand des Wahnsinns.

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