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Merkblatt-
Beilage 1c:
Was dem Bären weiter geschah
Brot hatte der Bär noch nie gefressen. Fisch wäre ihm lieber gewesen, doch der weisse Mensch an der Feuerstätte vor dem Wasserfall hatte es nicht erlaubt.
Überdies war dem Bären ein Rätsel, dass er Holz zum Feuer bringen musste. Gern hatte er es nicht getan, hatte er sich ja überhaupt nur der duftenden Fische wegen an die Glut gewagt. Hätte man versucht, ihn davonzujagen, er hätte sich zu wehren verstanden; aufgerichtet hätt' er sich zu voller Grösse und sein mächtiges Brommen erschallen lassen, dass den beiden Zweibeinern das Blut in den Adern gefroren wäre! Und so ein kleiner Schlag mit der Tatze hätte ihm bestimmt die übrigen Fische gesichert. Vielleicht hätte man sogar den liegenden Zweibeiner etwas anknabbern können. Wie der wohl schmeckt? Da aber war der weisse Mensch auf ihn zugeschritten und hatte auf seine Weise getönt. Der konnte schön brummen, freundlich und angenehm. Und er, der Bär, hatte einen Prügel geholt und ins Feuer geschubst. Lächerlich war das gewesen - hoffentlich hatte das kein Waldbewohner beobachtet!
Langsam kaute er das Brot, während er zwischen den Bäumen trottete. Seine Höhle war nicht weit entfernt, aber dorthin wollte er nicht. Er fühlte sich einsam. Bisher war ihm nie in den Sinn gekommen, dass er für sich allein in den Wäldern lebte. Jetzt fiel ihm auf, dass ihm kaum Tiere auf seinen weiten Streifzügen begegneten, ausser Vögel vielleicht, Bienen oder Käfer. Nur von Ferne sah er öfter Rehe vorbeieilen, einen Hasen über die Wurzeln springen, Wölfe schleichen oder einen Adler kreisen. Besondere Achtung empfand er vor den stolzen Hirschen, hielt jedoch stets gebührlichen Abstand, weil man nie wissen konnte, ob sie einen nicht unsanft anstiessen. Sie trugen ein glänzendes Fell, blickten aus grossen, dunklen Augen und standen auf langen, schlanken Beinen. Wenn man dagegen an seinen Zottel dachte, an seine listigen Äuglein und kräftigen Schenkel mit den Pratzen, dann konnte man schon betrübt werden. Andererseits fand er sich nicht übel, der Bär. Ein gefürchteter Herr im Revier zu sein kam seiner Neigung entgegen, unangefochten hinzutapsen, wohin es ihm beliebte. Wenn es nötig wurde, konnte er schliesslich ebenfalls schnell und gewandt sein, ganz abgesehen von seinem Zorn, der bekannt fürchterlich war. Ha, dass er den Prügel ins Feuer getan hatte! Brüllen mochte er auf einmal vor Wut! Allein, da war das Brot in seinem Maul.
Bergauf zog er und bergab, von einer Unrast getrieben, die er sich nicht erklären konnte. Im Grunde fühlte er etwas neues in sein Leben eintreten, jedoch war es ihm unmöglich, das Neue zu begreifen. Als er eine Lichtung am Berghang erreichte, hielt er inne. Unter ihm dehnte sich der See; dünner Rauch stieg an einer Uferstelle auf. In der Nähe klopfte ein Specht auf einen hohlen Stamm. Von Zeit zu Zeit rief der Kuckuck. Irgendwo knackte, raschelte es. Ein lauer Wind strich ihm über den Pelz. Er setzte sich und nahm Witterung auf. Finn © 2010 by DMGG
Plötzlich hörte er heiseres Bellen, dann Heulen in der Ferne und den Schrei eines Tieres in Todesnot. Hatten sie wieder ein Reh gestellt, die grauen Kerle! Gierig waren sie und schlau in ihren Zusammenspiel! Schon wollte ihn ein beifälliges Grunzen überkommen, als er einen leisen Ruck in seinem mächtigen Leib verspürte. Er glaubte, einen flehenden Blick wahrzunehmen, den Geruch tropfenden Angstschweisses, strömenden Blutes, das Reissen und Krachen scharfer Zähne in verendendem Fleisch. Er schüttelte sich. In der Weite vor ihm kräuselte sich der Wasserspiegel, und die Rauchfahne wurde von einer Böe in Fetzen geblasen. Unwillig erhob er sich, um tiefer in den Wald zu gelangen.
Das Brot war verzehrt. Er konnte nicht sagen, wann er den letzten Bissen geschluckt hatte. Und wieder fühlte er sich einsam. Die Nacht war hereingebrochen. Ein funkelnder Sternenhimmel wölbte sich über Wald und See. Langsam hob der Bär den schweren Schädel. In seinem Herzen stieg eine unendliche Sehnsucht auf. Altvertraut kam sie ihm vor in ihrer zarten Wehmut. Das Ziehen nahm zu, was ihn erstaunte; dann aber begann es ihn zu plagen. Er schnaubte leise. Tränen quollen aus den kleinen Augen und rannen die Schnauze entlang.
Der Bär begann zu suchen. Er wusste freilich nicht, wo er anfangen sollte. Hier schnüffelte, dort scharrte er, und mit jeder Regung seines Herzens änderte er seinen Pfad. Wochenlang irrte er über Waldböden und Abhänge, Felssteigen und Wasserläufen entlang. Viele bittere Stunden erfuhr er. Manchmal drückte ihn seine Enttäuschung so schwer, dass er schier verzweifelte - es wäre leicht gewesen, sich in die Schlucht zu werfen oder in den See hinauszuschwimmen, um nicht mehr zurückzukehren. In solchen Augenblicken legte er sich still auf einen bemoosten, schattigen Fleck, vergrub sein Haupt in den Pfoten und horchte in sich hinein ...
Von der anderen Seite
Nichts wusste die Hirschkuh vom Bären. Ihr Leben hatte in einem anderen Wald begonnen. Lange Jahre war sie in ihrem Bereich aufgewachsen und dort ihren Aufgaben nachgegangen. Wohl ahnte sie, dass es Bären gab; später hatte sie auch von welchen reden gehört, aber ihre Sorge galt den jungen Tieren und deren Gefährdung durch Luchse und Wölfe. Gemeinsam mit den anderen war sie bemüht, das vorgefundene Leben zu erhalten und zu fördern. In dieses Leben war sie hereingeboren worden - für dieses wollte sie tätig sein. Viele mochten sie, da sie reinen und zärtlichen Gemütes war.
Sie liebte die Bewegung. Wie gern eilte sie durch den Wald oder schwamm in einem der Gewässer! Im Bewegen spürte sie die Leichte ihres Leibes. Da sie von klein auf etwas hinkte, fragte sie sich manchmal, ob sie mit ihrem Gang zu den übrigen Hirschen gehörte. Ihre Herzlichkeit freilich und fröhliche Art halfen ihr immer wieder über solche Zweifel hinweg. Viel quälender wurde es ihr zu ertragen, dass sie selbst kein Kleines bekam. Darüber konnte sie sich nur mit Mühe trösten, denn sie empfand es als Unglück, wo nicht als Schuld. Umso eifriger widmete sie sich deshalb dem Dienst an den Jungtieren.
Begeistert war die Hinde von dem gewesen, was alle ringsum glaubten oder zu glauben vorgaben: was zu fressen war und was nicht, wer Freund war und wer auf keinen Fall. So war es gekommen, dass sie andere in manchen Fragen beriet, besonders in der Jungtierförderung. Mit den Jahren hatte sie eine verantwortungsvolle Stellung eingenommen und war unter ihresgleichen geachtet. Man kannte sie als Überzeugte und richtete sich danach. Sie selbst fand dies lange Jahre nicht weiter besonders oder gar fragwürdig.
In ihrem Herzen jedoch trug sie ein Bild. Sie wusste nicht, was für ein Bild, auch spürte sie kaum das leise Pochen, das davon ausging. In stillen Stunden allerdings blickte sie mit grossen, fragenden Augen in die Weite zwischen den Stämmen, die sich im Dunkel verlor, und tastete in ihrem Inneren. In solchen Augenblicken umgab leuchtende Würde ihre schlanke Gestalt. Bald jedoch wurde sie von irgendeinem Tier angerempelt, worauf sie sich mit einem tapferen Lächeln wieder ins Rudelgeschehen warf. Fiona © 2011 by DMGG
Eines Herbstes kam die Zeit, da sie ihren Bereich verlassen musste. Mehrere Gründe hatten dazu geführt, vor allem freilich die Tatsache, dass sie kaum mehr von dem zehren konnte, was ihr wie allen anderen zu Gebote stand. Das Futter war schlecht geworden: was ehedem noch ganz gut geschmeckt und satt gemacht hatte, war ihr schal und leer geworden. Zwar gab es andere Nahrung, das hatte sie erfahren, aber diese wollte gesucht sein. Mutig hatte sie sich zum Weggehen entschlossen, obgleich ihr das Herz dabei schwer wurde. Nur wenige konnten das verstehen. Oft fiel nun ein Tränenschleier über ihre Augen; dann blickte sie in eine verhangene, verschwimmende Welt.
In diesen Tagen begegnete die Hinde zum ersten Mal dem Bären. Auf der Nahrungssuche war sie mit einigen der ihren in eine entlegenere Waldgegend gekommen. Dort stiessen die Huftiere auf einen dämmrigen Lagerplatz. In dessen Mitte lag, an einen grauen Findling gelehnt, das braunschwarze Tier mit halbgeschlossenen Augen. Die Hinde erschrak im ersten Augenblick. Zu ihrer Verwunderung jedoch empfand sie keine Angst. Sie betrachtete den Bären genau, während ihre Gefährten zurückwichen. Ruhig lag er da, den Schädel in die Tatzen gebettet. Offenbar war er ganz in sich versunken, denn er beachtete sie überhaupt nicht. Vorsichtig trat sie näher und lauschte. Er murmelte vor sich hin. Redete er zu sich selbst? Sie versuchte zu verstehen und merkte, dass er von Erscheinungen sprach, die ihr urvertraut waren, obwohl sie diese so noch nie gedacht oder gar ausgesprochen hatte. Vom Regenbogen erzählte er, von sieben Farben im aufbrechenden Licht und weichendem Dunkel mit purpurnem Glimmen, von der Wärme des Besonnten und der Kühle des Schattigen, vom Frieden über dem Waldboden nach dem Sturm in den Baumkronen. Wehmut über das Erlebte klang darin mit, aber auch grosse Ruhe. Unter Sternenfeldern und Wolkenmeeren schien er geschritten, trockenen und nassen Pelzes, schien jetzt auf langer Wanderschaft kurz Rast zu halten.
Unverwandt blickte die Hinde den hingestreckten Bären an. Wie mächtig er war! Wie viel er wusste! Ein Waldweiser musste das sein. - Auf einmal witterte er sie und sah auf. Wie aus einem dunklen Traum kam er langsam zu sich und begann, sie aufmerksam zu betrachten. Seine engstehenden, grünen Augen suchten in den ihren zu lesen. Nach geraumer Zeit richtete er sich halb auf und fragte nach dem Grund ihrer Trauer. Ruhig antwortete sie ihm: „Ich werde die meinen verlassen und fortgehen. Ich finde nichts rechtes mehr zu essen, und - ich bekomme keine Kinder.” Lautlos begann sie zu weinen, der Schleier fiel herab. Der Braunschwarze erhob sich schliesslich, zögerte, tapste ein paar Schritte auf sie zu und blieb vor ihr stehen. Obwohl sie weinte, hielt sie ohne Scheu seinem Blick stand, denn sie fand kein Arg darin. So war ihr Herz offen für die leise gebrummten Worte: „Wohl musst du gehen, doch hast du einen Bruder gefunden.”
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